Neuigkeiten
„Skill and Scale in Transnational Mediumship: New Communities of Practice and Enskilment“
von Marcello Múscari, Ehler, Voss, Martin, Zillinger
Welche Rolle spielen transnationale Gemeinschaften und Techniken bei der Wissensaneignung und inwiefern werden solche Praktiken weltweit vermittelt, gelernt und transformiert? Diese Frage wird im Artikel von unseren Mitgliedern Ehler Voss und Martin Zillinger erforscht, welchen sie, in Zusammenarbeit mit Marcello Múscari, in der Buchreihe des Springer Verlags veröffentlicht haben.
„The contributors to this volume analyze how spiritual sociality and shared socio-material worlds are formed across social worlds, that is under conditions of heterogeneity and mediatized interaction.“
Der Open-Access-Band „Skill and Scale in Transnational Mediumship” präsentiert ethnografische Untersuchungen zu neuen Praxis- und Kompetenzgemeinschaften, die sich um Techniken der Medialität, Geistbesessenheit und Trance-Rituale in einer global vernetzten Welt drehen. Die zunehmende Mobilität von Menschen, Dingen, Zeichen und Symbolen, die Trancepraktiken und spirituelle Erfahrungen prägen und neu gestalten, hat deren Umfang und Reichweite erheblich erweitert. Zirkulierende Körpertechniken, Symbole und Artefakte spielen eine wichtige Rolle bei der Neuordnung der Spiritualität und tragen zur Entstehung transnationaler „spiritueller Gemeinschaften“ bei.
Über den Beitrag von Voss und Zillinger
Medialität bezieht sich auf Praktiken, die in verschiedenen Kulturen weltweit und im Laufe der Geschichte zu finden sind. Das Anrufen, Unterwerfen unter den Einfluss oder die Auseinandersetzung mit körperlosen Mächten kann verschiedene Formen annehmen, die je nach der lokalen Religionspolitik, dem sozialen Kontext und den persönlichen Umständen der beteiligten Personen variieren. In Europa wurde Medialität seit dem langen 19. Jahrhundert als „Überbleibsel” und vormoderne Praxis archaisiert. An den „Rändern” der „Moderne” angesiedelt und oft Frauen, Fremden, Narren und Kindern zugeschrieben, hat es seitdem in den Handelszonen der Globalisierung neue Boden gewonnen. Dieser Band vereint ethnografische Forschungen zu neu entstehenden Praxisgemeinschaften, die sich auf Medialität, Geistbesessenheit und Trance-Rituale in einer global vernetzten Welt konzentrieren. Wir untersuchen, wie diese Praktiken in verschiedenen Kontexten gelehrt, gelernt, reproduziert, weitergegeben und transformiert werden, und reflektieren dabei über das Konzept der „Lehre“ als einen Prozess der Einweisung.
Marcello Múscari ist Doktorand am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Universität zu Köln. Ehler Voss ist Geschäftsführer der Forschungsplattform Worlds of Contradiction (WOC) und Privatdozent am Institut für Anthropologie und Kulturforschung der Universität Bremen; Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Anthropologie und Medizin (AGEM); Chefredakteur der medizinanthropologischen Zeitschrift Curare; sowie Mitbegründer und Mitherausgeber von boasblogs.org. Martin Zillinger ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität zu Köln. Er ist Sprecher des Forschungszentrums für Medien und Moderne und des interdisziplinären Forschungslabors „Mediterranean Liminalities“, beide an der Universität zu Köln, sowie Mitbegründer und Mitherausgeber von boasblogs.org. Darüber hinaus ist er als Projektleiter für das Projekt B04 „Digital Publics and Social Transformation in the Maghreb“ tätig.
Die „Beiträge zur Praxeologie / Contributions to Praxeology“ setzen sich zum Ziel, die Praxis allen anderen Erklärungsgrößen vorzuordnen, und die theoretischen Grundbegriffe aus dieser Vorordnung zu gewinnen, zu klären oder zu korrigieren. Sowohl die Arbeiten von Wittgenstein als auch die von Schütz und Garfinkel verweisen auf eine gemeinsame mitteleuropäische Genealogie der „Praxeologie“, die bis heute allerdings weitgehend unbekannt geblieben ist. Die Reihe will sich daher in drei Stoßrichtungen entfalten: durch philosophische Theoriearbeit, durch empirische Beiträge zur Theoriebildung und durch Beiträge zur Revision der Wissenschaftsgeschichte.
Die Bände der Reihe erscheinen in deutscher oder englischer Sprache.
Zur praxeologischen Konturierung semantischer Felder am Beispiel eines kamera-ethnographischen Forschungstools
Von Bina Elisabeth Mohn (Universität Siegen, SFB)
In dem neusten Working Paper (No.38) zum Bundle Explorer: Berühren stellt Bina Elisabeth Mohn die Entwicklung und Erprobung eines Prototyps einer praxeologischen Forschungsplattform vor. Im Zentrum stehen Fragen nach der sprachspielanalytischen Erschließung von Praktiken, ihrer bündeltheoretischen Verortung sowie nach dem Verhältnis einer flachen Ontologie zu Wittgensteins Konzept der grammatischen Betrachtung.
Über das Working Paper
Beim Bundle Explorer: Berühren handelt es sich um den Prototyp einer praxeologischen Forschungsplattform zur Untersuchung situierter Praktiken, die sich an Wittgenstein und seiner Methode der grammatischen Betrachtung orientiert. An zahlreichen filmischen Präparaten aus dem Forschungsprojekt (Frühe) Kindheit und Smartphone ermöglicht das Tool ein vergleichendes, prüfendes und konturierendes Vorgehen, das eine Neubetrachtung von Berührungspraktiken im digitalisierten Alltag anbahnt. Der Beitrag rekonstruiert die Entstehung, Rahmung und Handhabung des Bundle Explorers: Berühren und entwickelt aus einer Zusammenschau von grammatischer Betrachtung (Wittgenstein), praxeologischer Bündeltheorie (Bezugnahme auf Schatzki) und Kamera-Ethnographie methodologische Impulse zu den Fragen: Wie lassen sich nonverbale Praktiken sprachspielanalytisch untersuchen und wie kann die Situierung von Praktiken bündeltheoretisch bestimmt werden? Wie lässt sich flache Ontologie (Schatzki) mit Wittgenstein denken und inwiefern sind übersichtliche Darstellungen (Wittgenstein) Experimentierfelder über mediale und kulturelle Grenzen hinweg? Wie gelingt eine zeigende Grammatik? Dabei steht der Begriff ‚Berührung‘ stellvertretend für sich wandelnde semantische Felder in sich wandelnden Lebenswelten.
Über die Autorin
Bina Elisabeth Mohn (Dr. phil., Berlin) ist Kulturanthropologin und Begründerin der Kamera-Ethnographie, einem filmischen Forschungsansatz, der auf das Sichtbarmachen epistemischer Dinge zielt. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen nonverbale Praktiken und (medien-)ethnographische Methodologie. Als Forscherin hat sie von 2016-2023 am SFB-Medien der Kooperation mitgewirkt. 2023 erschien ihr Buch Kamera-Ethnographie. Ethnographische Forschung im Modus des Zeigens. Programmatik und Praxis. Bina Elisabeth Mohn war Projektmitarbeiterin beim Projekt B05 bis Ende 2023.
Über die Working Paper Reihe
Die Working Paper Series des SFB 1187 „Medien der Kooperation“ versammelt aktuelle Beiträge aus dem Umfeld der inter- und transdisziplinären Medienforschung. Die SFB Working Paper Series bietet die Möglichkeit einer Vorveröffentlichung und schnellen Verbreitung von am SFB laufenden oder ihm nahestehenden Forschungsarbeiten. Ziel der Reihe ist es, die SFB-Forschung einer breiteren Forschungsgemeinschaft zugänglich zu machen. Die Veröffentlichung in der Working Paper Series schließt die Publikation überarbeiteter Versionen desselben Beitrags in anderen Zeitschriften nicht aus. Beiträge von Postdocs und etablierten Wissenschaftlicher*innen werden begrüßt. Die Reihe versteht sich als Publikationsforum für die im SFB vertretenen Wissenschaftler*innen, Projekte und ihre laufende Forschung. Die Beiträge erscheinen im Open Access und in limitierter Printauflage. Wenn Sie einen Beitrag in der Working Paper Series veröffentlichen möchten, reichen Sie bitte Ihren Themenvorschlag in Form eines Abstracts (max. 300 Wörter) zusammen mit einer Kurzvita (max. 50 Wörter) ein. Für die Manuskripteinreichung beachten Sie bitte unser Styleguide.
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 262513311 – SFB 1187. Redaktionelle Verantwortung: Karina Kirsten, Universität Siegen & SFB 1187 Medien der Kooperation.
Erforschung der zeitgenössischen digitalen Politik
Als Folgepublikation zur SFB- Ringvorlesung im Sommer 2024 ist nun die Sonderausgabe zu „Digital Sovereignty“ bei communication +1 erschienen, herausgegeben von Christoph Borbach und Tristan Thielmann.
Über die Sonderausgabe
Diese Sonderausgabe befasst sich mit digitaler Souveränität als einem der bestimmenden, aber umstrittensten Konzepte der zeitgenössischen digitalen Politik. Während Souveränität traditionell mit dem Nationalstaat verbunden war, zeigen aktuelle Debatten – von Plattform-Governance und Datenkapitalismus bis hin zum Diskurs über souveräne KI – dass Macht zunehmend durch Unternehmensinfrastrukturen und algorithmische Systeme vermittelt wird. Die Sonderausgabe vereint inter- und transdisziplinäre Perspektiven aus den Bereichen Medien- und Kommunikationswissenschaft, kritische KI- und Datenforschung, Wissenschafts- und Technikforschung, politische Philosophie, Soziologie und Informationssystemforschung und untersucht, wie Souveränität in verschiedenen soziotechnischen Bereichen umgesetzt, verhandelt und neu konfiguriert wird. Anstatt Souveränität als stabiles Eigentum – von Staaten, Organisationen oder Individuen – zu behandeln, konzeptualisieren die Autor*innen sie als relationales und transformatives Konzept, das in Design, digitalen Praktiken und Technologien der Datenifizierung eingebettet ist. Die Beiträge zeigen, dass digitale Souveränität am besten als vielschichtiger Ort verstanden werden kann, an dem Infrastrukturen, Datenethik und Vorstellungswelten aufeinandertreffen, und stellen in den Vordergrund, wie Handlungsfähigkeit und Autonomie innerhalb der verflochtenen Mensch-Maschine-Ökosysteme des digitalen Zeitalters neu definiert werden. Auf diese Weise positioniert die Sonderausgabe die digitale Souveränität als zentrales Untersuchungsobjekt für Critical AI and Data Studies und bietet konzeptionelle Werkzeuge, um sich mit ihren Praktiken, ihrer Ethik, ihren Plattformen und Theorien auseinanderzusetzen.
Die Sonderausgabe enthält Beiträge unserer Mitglieder Tristan Thielmann, Teilprojektleiter von P04 „Precision Farming: Ko-operative Praktiken des Virtual Fencing“, und Christoph Borbach, Mitarbeiter von P04 „Precision Farming: Ko-operative Praktiken des Virtual Fencing“, zum Thema „The Digital Leviathan: Medializing Sovereignty for Critical AI and Data Studies” und anderen, darunter Leah Miriam Friedman, Gwen Lisa Shaffer, Renée Ridgway, Anne Mollen, Jose Francisco Marichal, Thomas Wendt, Stephan Packard, Dennis Lawo, Gunnar Stevens und Jenny Berkholz.
Über communication +1
communication +1 ist eine begutachtete Open-Access-Zeitschrift, die neue Ansätze fördert und neue Horizonte in der Kommunikationswissenschaft aus interdisziplinärer Perspektive eröffnet. Die Zeitschrift widmet sich insbesondere der Förderung von Forschungsarbeiten, die neue Forschungsbereiche erschließen und neue Grenzen theoretischer Aktivitäten ausloten, indem sie die Kommunikationswissenschaft mit etablierten und neuen Forschungsprogrammen in den Geistes-, Sozial- und Kunstwissenschaften verknüpfen.
Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen
herausgegeben von Christoph Borbach (Universität Siegen, SFB 1187), Timo Kaerlein (Ruhr-Universität Bochum), Robert Stock (Humboldt-Universität Berlin) und Sabine Wirth (Bauhaus-Universität Weimar)
Der Sammelband „Akustische Interfaces: Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen”, erschienen bei Springer als Open-Access Buch, eröffnet neue Perspektiven auf die Mediengeschichte und -praxis analoger und digitaler Interfaces.
Über das Buch
In der aktuellen Medienkultur gewinnen akustische Interfaces zunehmend an Bedeutung, wie es sich in vielen Alltagsbereichen wie der Arbeit, Mobilität, aber auch Freizeit zeigt. Der Band nimmt diese Entwicklung zum Anlass, neue Perspektiven auf die Mediengeschichte und -praxis analoger und digitaler Interfaces zu eröffnen, um die Bedeutung des Akustischen für die Ausdifferenzierung gegenwärtiger Interfacekulturen herauszuarbeiten. Die rezente Ubiquität von Smart Speakern, Natural Language Processing und Voice User Interfaces deutet einen Paradigmenwechsel in der Human-Computer Interaction an, dessen medienkulturelle Bedeutung nur durch eine vergleichende Betrachtung aus Sicht der Media und Sound Studies, der Ludomusicology und der Dis/Ability Studies angemessen behandelt werden kann. Erst digitale Infrastrukturen und Machine Learning-Algorithmen machen Voice Assistant-Technologien zur gesellschaftlichen Realität. Dies lädt dazu ein, ihre Kultur- und Technikgeschichte, ihre Medienpraxis, Affordanzen und Plattformisierung einer genaueren Untersuchung zu unterziehen und dabei ästhetische mit technischen sowie historische mit informatischen Analyseansätzen zu kombinieren. Dadurch werden die vielfältigen und widersprüchlichen Politiken akustischer Interfaces in ihrer Tiefendimension und Entfaltung im 20. und 21. Jahrhundert exemplarisch erschlossen. Die Analyse geht damit über eine rein gegenwartsbezogene Diagnose hinaus und formuliert zugleich kritische Positionen für die Kontextualisierung zukünftiger akustischer Interface-Technologien.
Im Sammelband finden sich Beiträge von Christoph Borbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt P04 „Precision Farming: Ko-operative Praktiken des Virtual Fencing“, zusammen mit Benjamin Lindquist zu „Körper, Stimmen, Prothesen. Eine Geschichte sprechender Interfaces als Assistenztechnologien“ und von Tim Hector, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt B06 „Un-/erbetene Beobachtung in Interaktion: Smart Environments, Sprache, Körper und Sinne in Privathaushalten“, zusammen mit Benedikt Merkle zu „Werkzeuge und Medienpraktiken. Intelligente persönliche Assistenten und das Paradigma objektorientierten Programmierens“.
herausgegeben von Natasha Klimenko (Freie Universität Berlin und Humboldt Universität zu Berlin), Miglė Bareikytė (Europa-Universität Viadrina & SFB 1187) und Viktoriya Sereda (VUIAS Wissenschaftskolleg zu Berlin)
Am Montag, den 10. November findet in Berlin der Book Launch des Buchs „Images and Objects of Russia’s War against Ukraine” statt. Der Sammelband ist beim transcript Verlag als Open-Access Buch erschienen und untersucht, wie Kunst, Medien, Infrastrukturen und materielle Kultur auf den russisch-ukrainischen Krieg reagieren und ihn hinterfragen.
Über das Buch
Die groß angelegte Invasion Russlands in der Ukraine im Februar 2022 hat Leben, Gemeinden und Städte zerstört. Von Anfang an verbreiteten sich Bilder dieses Krieges über verschiedene Medienplattformen. Gemälde, Fotografien, Drohnenaufnahmen, TikToks und Instagram-Posts prägten die Art und Weise, wie der Krieg erlebt, dargestellt und archiviert wurde. In diesem multidisziplinären Sammelband untersuchen Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Schriftsteller*innen, wie Kunst, Medien, Infrastrukturen und materielle Kultur auf den russisch-ukrainischen Krieg reagieren und ihn hinterfragen.
Die Veröffentlichung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projekt-ID 262513311 – SFB 1187 Medien der Kooperation und der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf, finanziert.
Über den Book Launch
10. November 2025 | 18 Uhr | Pilecki-Institute Berlin, Pariser Platz 4A, 10117 Berlin
Podiumsteilnehmerinnen: Natasha Klimenko, Miglė Bareikytė, Viktoriya Sereda; Moderation: Eva Yakubovska
Im Rahmen des Book Launch präsentieren die Herausgeberinnen Natasha Klimenko und Miglė Bareikytė unter anderem einen Essayfilm, der auf ausgewählten Beiträgen aus dem Buch basiert und die Schnittstellen zwischen Kunst, Medien und Krieg beleuchtet. Im Anschluss findet eine Podiumsdiskussion mit den Herausgeberinnen und Viktoriya Sereda (VUIAS) über die Rolle der Kunst in Kriegszeiten und im Gedenken statt.
Für die Teilnahme registrieren Sie sich bitte unter prisma[æt]trafo-berlin.de.
Dissertation zu sprachlichen Praktiken mit Sprachassistenten aus dem Teilprojekt B06 erschienen
von Tim Hector (Universität Siegen)
In der Reihe „Empirische Linguistik“ bei De Gruyter Brill ist die Dissertation von Tim Hector als Open-Access-Publikation erschienen, die er im Rahmen seiner Forschungsarbeit im Teilprojekt B06: „Un/erbetene Beobachtung in Interaktion“ erarbeitet hat.

Über Smart Speaker im Dialog
Die Dissertation „Smart Speaker im Dialog. Sprachliche Praktiken mit Voice User Interfaces“ untersucht Sprachassistenten aus linguistischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen Smart Speaker wie „Alexa“ oder „Google Home“. Sie lassen sich über Sprache steuern und liefern unter anderem Musik oder Wetterinformationen. Untersucht wird, wie der Austausch mit diesen Geräten sprachlich organisiert ist, welche Praktiken dabei entstehen und wie die Geräte in den Alltag integriert werden.
Die Arbeit verbindet theoretische Diskussionen zur Praxeologie und zum Domestizierungsbegriff mit einer empirischen Analyse von Audio- und Videoaufnahmen. Das Korpus umfasst Situationen der Erstinstallation und der alltäglichen Nutzung. Für Audio-Aufnahmen im Alltag kam ein speziell entwickeltes Gerät zum Einsatz, das Sprachsteuerungen automatisch mitschneidet (Conditional Voice Recorder, siehe unser SFB-Working Paper Nr. 23). Methodologisch ist die Dissertation qualitativ und gesprächsanalytisch angelegt.
Die Analysen zeigen im Bereich der dyadischen Dialoge (d.h. ein Mensch und ein Gerät), dass u.a. Adressierungen wie „Alexa“ neu funktionalisiert werden und der Ablauf von Gesprächen streng musterhaft erfolgen muss. Auch Praktiken anderer gesprächsanalytische Kategorien – z.B. aus dem Bereich der Rederechsorganisation (Turn-Taking) oder Reparaturen – bleiben zwar sichtbar, werden aber technisch überformt. Neue Praktiken entstehen, etwa das gezielte Unterbrechen (Barge-Ins).
In Mehrparteien-Situationen werden Smart Speaker sprachlich teils als Beteiligte, teils als Objekte gerahmt. Besonders interessant ist ein „formal-funktionaler Split“: Äußerungen, die an Geräte gerichtet scheinen, erfüllen oft andere Zwecke – z.B. Humor, Frustabbau oder die Domestizierung widerspenstiger Technik.
Über den Autor
Tim Hector ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt B06: „Un/erbetene Beobachtung in Interaktion – Smart Environments, Sprache, Körper und Sinne in Privathaushalten“. Er wurde 2024 im Fach Angewandte Sprachwissenschaft promoviert und forscht in den Bereichen Medien- und Kulturlinguistik, Gesprächsanalyse und zur linguistischen Praxeologie.
Über die Triebkräfte der vierten industriellen Revolution
Digitale Zwillinge stehen für das techno-ideologische Paradigma unserer Zeit. Die neue Sonderausgabe befasst sich mit Praktiken, Theorien, Technologien und der Geschichte des „Digital Twinnings“ aus verschiedenen Disziplinen. Alle Beiträge sind frei zugänglich.
Über die Sonderausgabe
Digitale Zwillinge sind derzeit die wichtigsten Treiber der vierten industriellen Revolution. Immer komplexere technische Produkte und Prozesse werden heute zunächst in der virtuellen Welt entwickelt und getestet, bevor sie in der „realen“ Welt zum Einsatz kommen. Zukünftige Artefakte und Praktiken werden zunächst als Softwaremodelle erstellt und als digitale Zwillinge simuliert. Die Verbreitung digitaler Zwillinge in Industrie und Forschung führt zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel in den digitalen Medientechnologien. Das Digitale ist weder eine Echtzeit-Virtualisierung eines realen physischen Objekts noch ein völlig separates Objekt: Es ist viel mehr, denn es ermöglicht die Analyse zukünftiger Leistungen von Objekten, ohne dass diese Objekte physisch vorhanden sein müssen.
Digitale Zwillinge repräsentieren das techno-ideologische Paradigma unserer Zeit. Sie haben ihr eigenes Ethos im Kontext einer technokratischen Weltanschauung, die davon ausgeht, dass alles, was beobachtbar oder zumindest wahrnehmbar ist, auch zählbar, verantwortlich und berechenbar gemacht werden kann. Während sich das „Digital Twinning“ ursprünglich nur auf technische Systeme bezog, werden heute auch andere Parameter vorhergesagt, wie beispielsweise menschliche Bewegungsmuster und gelegentlich auch soziale Aspekte. Digitale Zwillinge sind somit symbolisch und paradigmatisch für eine technokratische Weltanschauung, die von der Überzeugung geprägt ist, dass alles berechnet und kontrolliert werden kann. Digitale Zwillinge sind technopolitische Artefakte oder vielmehr von einer Technoökologie geprägt, da sie zunehmend in institutionelle Entscheidungsprozesse eingebunden sind, die letztlich uns alle betreffen können. In diesem Zusammenhang entfalten digitale Zwillinge ihre wahre Macht.
Christoph Borbach, Wendy H.K. Chun und Tristan Thielmann nutzten diese Situation als Gelegenheit, um gemeinsam eine Sonderausgabe von New Media & Society zum Thema „Digital Twinning” herauszugeben. Die Sonderausgabe ist nun online verfügbar, wobei die meisten Beiträge frei zugänglich sind. Ihr gemeinsam verfasster Leitartikel „Making everything ac-count-able: The digital twinning paradigm” ist hier zu finden.
Diese Sonderausgabe enthält eine Reihe hervorragender und aufschlussreicher Beiträge von Autoren wie Louise Amoore, Jussi Parikka, Orit Halpern, John S. Seberger & Geoffrey C. Bowker, Oliver Dawkins & Rob Kitchin und vielen anderen. Insgesamt enthält die Ausgabe 14 Artikel, die sich mit Praktiken, Theorien, Technologien und der Geschichte des „Digital Twinning“ aus verschiedenen Disziplinen unter Verwendung unterschiedlicher Methoden befassen.
Einige der Beiträge stehen im Zusammenhang mit der Jahreskonferenz 2023 des SFB 1187 zum Thema „Digitale Zwillinge und Doppelgänger. Daten der Kooperation”.
Zum vortechnologischen Medienbegriff
von Erhard Schüttpelz (Universität Siegen/SFB)
Wenn wir schon immer in einer Mediengesellschaft leben, was sind Medien dann wirklich? Erhard Schüttpelz geht dieser Frage in seinem neu erschienenen Buch Medium, Medium nach.
Über das Buch
Der Begriff des Mediums fällt heutzutage oft im Zusammenhang mit Technologie, dabei gibt es Medien schon länger in anderer vermittelnder Rolle zwischen Menschen und Nicht-Menschen. Schüttpelz verschiebt mit dieser Studie die Perspektive der Medienwissenschaften und stellt sich der Frage, was Medien überhaupt sind.
Verlagstext:
Wer an Medien denkt, hat meist ihre Ausformung in technischen Apparaten vor Augen, vom ersten Telegrafen bis zu den heutigen Kommunikations- und Speichermedien. Dabei gerät außer Acht, dass dem Begriff des Mediums auch eine schon vor der Technologie existierende Bedeutung zukommt, in der es jene bezeichnet, die zwischen Himmel und Erde, zwischen Lebenden und Toten, zwischen An- und Abwesenden vermitteln können. Wenn sich Medialität über Jahrtausende als Praxis fassen lässt, die Menschen und Nicht-Menschen verbindet, findet in der Moderne ein Bruch statt: Medien fallen mit Technologie in eins, und aus einer vielfältigen Fremdheit der Medien wird ein Wechselspiel von Prothese und Fernbedienung.
In seiner bahnbrechenden Studie verschiebt Erhard Schüttpelz die Perspektive der Medienwissenschaften: von der Waffe zum Behältnis, von der Schrift zur Sprache, von der Magie zum Ritual. Und er stellt die Frage, was Medien tatsächlich sind, wenn wir immer schon in Mediengesellschaften gelebt haben.
Über den Autor
Erhard Schüttpelz ist nach dem Studium der Germanistik, Anglistik, Ethnologie in Hannover, Exeter und Bonn und Forschungstätigkeiten in Oxford, Köln, New York, Konstanz und Wien seit 2005 Professor für Medientheorie an der Universität Siegen. Am SFB leitet er aktuell das Teilprojekt P02 „Medien der Praxeologie II: Anthropologie der Kooperation: Skill, Deixis, Wechselwirkung“.
Wie verändern sich alltägliche Haushaltspraktiken durch intelligente, sensorbasierte Medientechnologien?
von Tim Hector, Niklas Strüver, Stephan Habscheid und Dagmar Hoffmann (alle Universität Siegen, SFB)
In unserem neuen Working Paper (No. 36) präsentieren Tim Hector, Niklas Strüver, Stephan Habscheid und Dagmar Hoffmann erste Ergebnisse ihrer interdisziplinären Pilotstudie zur Gestaltung von Haushaltsökologien und -prozessen durch Smart Home Geräte. Die Studie ist Teil ihres Forschungsprojekts am SFB, in dem die Autor/innen gemeinsam die Domestizierung smarter Technologien als einen Fall kooperativer Produktion von Medien und Daten untersuchen.
Über das Working Paper
Das Working Paper präsentiert als Proof of Concept erste Ergebnisse einer interdisziplinären Pilotstudie, die mit Methoden der soziologischen und linguistischen Medienforschung der Frage nachgeht, wie sich alltägliche Haushaltspraktiken mit intelligenten, sensorbasierten Medientechnologien, die als multimodale Interaktionen beobachtet werden können, darstellen und verändern. Im Kontext des Projekts „B06 – Un-/erbetene Beobachtung in Interaktion: Smart Environments, Sprache, Körper und Sinne in Privathaushalten“ im Sonderforschungsbereich (SFB) „Medien der Kooperation“ wird die Domestizierung smarter Technologien als ein Fall der kooperativen Produktion von Medien und Daten – mit und ohne Konsens (Star und Griesemer 1989) – erforscht. Der Fokus der vorgestellten Pilotstudie liegt auf Mensch-Maschine-Kooperationen, bei denen eine mehr und minder bemerkte Erfassung von Verhaltens- und Umweltdaten durch Sensoren zur halbautomatischen Gestaltung von Haushaltsökologien und -prozessen beiträgt. Wir rekonstruieren und untersuchen Formen der Interaktion bzw. Kommunikation mit Interfaces dieser modernen Technologien und die sensorischen Orientierungen sowie körperlichen Praktiken der Nutzer*innen. Weiterhin von Interesse sind die räumlichen und materiellen Anordnungen, die für das soziale und kommunikative Arrangement sowie die Zweckmäßigkeit und Zielgerichtetheit des soziotechnischen Handelns mit den Geräten wesentlich sind. In dem vorliegenden Working Paper präsentieren wir explorative mediensoziologische und medienlinguistische Analysen einer mit smarten Geräten ausgestatteten Wohnumgebung sowie exemplarisch des Umgangs mit zwei Geräten: einem Amazon Echo Show (10. Gen.), das ist ein sich drehender Smart Speaker mit Voice User Interface, Kamera, Display, Video-/Touch Screen und kamerabasierter Bewegungserkennung, sowie einem smarten AirFryer, das ist eine Heißluftfritteuse mit Internetverbindung. Die Untersuchung zeigt, dass die Nutzer*innen mit ihrem menschlichen Sensorium, d.h. sowohl sozial-kognitiv als auch leiblich-körperlich, in die Mensch-Maschine-Interaktion eingebunden und in situ herausgefordert sind, verschiedene Entscheidungen zu treffen.
Über die Autor/innen
Tim Hector (Dr. des.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 1187 „Medien der Kooperation“ an der Universität Siegen im Projekt B06 („Un/erbetene Beobachtung in Interaktion“). In seiner Promtoion hat er sich mit Smart Speakern im Gespräch beschäftigt. Zu seinen Forschungsinteressen zählen u.a. die Medienlinguistik, die Gesprächsforschung sowie die linguistische Praxeologie. Niklas Strüver (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt B06 („Un/erbetene Beobachtung in Interaktion“) und Doktorand am SFB 1187 „Medien der Kooperation“. Er studierte Soziologie mit einem Schwerpunkt auf Techniksoziologie an der RWTH Aachen und schloss dort den Master of Arts ab. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Techniksoziologie, Science and Technology Studies sowie Platform Studies.
Stephan Habscheid (Prof. Dr.) ist Professor für Germanistik / Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Siegen. Im SFB 1187 „Medien der Kooperation“ leitet er gemeinsam mit Dagmar Hoffmann das Projekt B06 („Un/erbetene Beobachtung in Interaktion“). Er forscht u.a. zur Medienlinguistik und einer linguistischen Praxeologie sowie zu Sprache in Institutionen und Organisationen. Dagmar Hoffmann (Prof. Dr.) ist Professorin für Medien und Kommunikation / Gender Media Studies an der Universität Siegen. Im SFB 1187 „Medien der Kooperation“ leitet sie seit 2020 gemeinsam mit Stephan Habscheid das Projekt B06 („Un/erbetene Beobachtung in Interaktion“). Sie arbeitet u.a. zu digitalen Kompetenzen, Mediensozialisation und -aneignung sowie zu Bild- und Medienpraktiken im Social Web.
Über die Working Paper Reihe
Die Working Paper Series des SFB 1187 „Medien der Kooperation“ versammelt aktuelle Beiträge aus dem Umfeld der inter- und transdisziplinären Medienforschung. Die SFB Working Paper Series bietet die Möglichkeit einer Vorveröffentlichung und schnellen Verbreitung von am SFB laufenden oder ihm nahestehenden Forschungsarbeiten. Ziel der Reihe ist es, die SFB-Forschung einer breiteren Forschungsgemeinschaft zugänglich zu machen. Die Veröffentlichung in der Working Paper Series schließt die Publikation überarbeiteter Versionen desselben Beitrags in anderen Zeitschriften nicht aus. Beiträge von Postdocs und etablierten Wissenschaftlicher*innen werden begrüßt. Die Reihe versteht sich als Publikationsforum für die im SFB vertretenen Wissenschaftler*innen, Projekte und ihre laufende Forschung. Die Beiträge erscheinen im Open Access und in limitierter Printauflage. Wenn Sie einen Beitrag in der Working Paper Series veröffentlichen möchten, reichen Sie bitte Ihren Themenvorschlag in Form eines Abstracts (max. 300 Wörter) zusammen mit einer Kurzvita (max. 50 Wörter) ein. Für die Manuskripteinreichung beachten Sie bitte unser Styleguide.
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 262513311 – SFB 1187. Redaktionelle Verantwortung: Karina Kirsten, Universität Siegen & SFB 1187 Medien der Kooperation.
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