Begegnungen vermitteln und kuratieren
von Tahereh Aboofazeli & Arjang Omrani
Die Ausstellung „WE ARE NOT CARPETS: I tell you my story” war vom 6. bis 31. Oktober 2025 im poool, dem Kulturprojektraum der Gruppe 3/55 e.V., in Siegen zu sehen. Die Ausstellung wurde von Tahereh Aboofazeli (Universität zu Köln) und Arjang Omrani (Universität Gent) kuratoriert und vom Sonderforschungsbereich 1187 „Medien der Kooperation” der Universität Siegen aus Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG – Projektnummer 262513311) organisiert.
→ Projektseite des Kuratorteams
Die Wirkung eines zerrissenen Teppichs
Ein 12 Meter langer, handgewebter Teppich, relativ intakt, in Stücke gerissen und an die Ausstellungswand gehängt.
Auf den ersten Blick ruft er Gefühle des Mitleids und des Protests hervor. Viele Besucher konfrontieren uns wiederholt mit der Frage: „Warum haben Sie den Teppich zerrissen?”
Wir antworteten mit einer Gegenfrage: „Warum bewegt Sie das Zerreißen?”
In der Trauer um den Verlust eines handgefertigten Objekts und die harte Arbeit eines Webers stellt sich die Frage: Wessen Arbeit ist verloren gegangen? Welcher Weber?
Welche Präsenz oder welchen Anteil hatte diese unbekannte Weberin, bevor der Teppich zerrissen wurde, in den Momenten der Freude und Bewunderung für seine Schönheit –
beim Kauf und Verkauf,
beim Berühren, Erleben und Pflegen?
Für die meisten unserer Besucher war dies die erste reflektierende Begegnung mit der Anonymität der Weber:innen, die die Tiefe ihrer Distanz zum System der Produktion, des Handels und der Ästhetik, das den Teppich umgibt, offenbart.
Die Geschichten der anonymen Weber:innen, die von ihrem Hass auf den Teppich sprechen und zwischen den zerrissenen Stücken verstreut sind, erfüllen das visuelle Vergnügen, das man aus der farbenfrohen, gemusterten Welt des Teppichmarktes zieht, mit einem Gefühl der Scham.
Es war die erste Begegnung mit dem Dissens, den wir in die Ausstellung bringen und mit der Öffentlichkeit teilen wollen: die Kluft zwischen der Realität, wie sie im aktuellen System der Teppichproduktion und des Teppichhandels existiert, und der Realität, wie sie unserer Meinung nach existieren sollte.
Konfrontation von Kultur und Macht
Aufbauend auf dem konzeptionellen Rahmen der Shared Anthropology positioniert sich unser Projekt an der Schnittstelle zwischen kritischer öffentlicher Anthropologie und kritischer öffentlicher Pädagogik. Diese Bereiche teilen das Engagement für kritisch bewusste, engagierte und belebende Praktiken, die in den öffentlichen Raum eingreifen und sich mit der umstrittenen Rolle der Kultur bei der Produktion, Verteilung und Regulierung von Macht auseinandersetzen. Innerhalb dieses Rahmens wird Wissen als gemeinsam verfasst verstanden – nicht allein vom Anthropologen produziert, sondern durch Prozesse des „Sharing-the-Anthropology” (Teilen der Anthropologie) generiert.
Dieser Ansatz behandelt multimodale Erzählungen und künstlerische Formen nicht als bloße „Objekte” oder „Ergebnisse” der Forschung, sondern als Formen der Untersuchung – als Wege, Wissen zu praktizieren, zu vermitteln und über akademische Enklaven hinaus zu verbreiten. Eine solche Verbreitung ist nicht nur wichtig, um wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich zugänglich und für Kritik offen zu machen, sondern auch entscheidend, um die Mitwirkenden des Projekts – in diesem Fall die Weber:innen – mit den Netzwerken von Wissen und Macht zu verbinden, von denen sie normalerweise ausgeschlossen sind. In diesem Sinne besteht die Rolle des Anthropologen darin, diese Begegnungen zu vermitteln und zu kuratieren und daran zu arbeiten, strukturelle Distanzen zu verringern, anstatt sie zu reproduzieren.
Das Projekt „Weaving Memories“, das von Anfang an als Intervention in das System der handgefertigten Teppichproduktion definiert wurde, zielt somit nicht nur darauf ab, die Arbeitsbedingungen sichtbar zu machen, sondern auch die epistemischen Hierarchien zu erschüttern: Es sollen alternative Räume geschaffen werden, in denen das Wissen, die Erzählungen und die ästhetischen Entscheidungen der Weber:innen die Bedingungen neu definieren können, unter denen Teppiche – und ihre Hersteller:innen – verstanden werden.
Entstehung einer neuen Kompetenz
Die Begegnung des Publikums beschränkt sich jedoch nicht darauf, sich mit der Anonymität und Unsichtbarkeit der Weberin auseinanderzusetzen. In „Weaving Memories“ haben wir in die Beziehung zwischen der Weber:in und dem Teppich eingegriffen, indem wir fragten: Was würde passieren, wenn man statt vorgefertigter, in Auftrag gegebener Muster seine eigenen Erzählungen und Ideen verweben würde? Die Ausstellung inszenierte die Begegnung des Publikums mit genau dieser Intervention: Was wäre, wenn diese anonyme Weber:in ihren eigenen Teppich gewebt hätte?
Nachdem er fast eine Stunde in der Ausstellung in Siegen verbracht und sich die Teppiche genau angesehen hatte, bemerkte ein Besucher: „Ich habe das Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit diesen Teppichen – und mit dem, was sie hervorbringen – eine neue Art von Kompetenz erfordert, die ich erst lernen muss, indem ich mich in sie vertiefe und sie dann langsam erwerbe, um mich auf sie einzulassen.“
Unserer Ansicht nach ist die Anwesenheit des Publikums in der Ausstellung nicht nur eine Begegnung mit der Weber:in und ihrer Erzählung, sondern eine Begegnung mit einer Erzählweise und einer ästhetischen Form, durch die sie ihr Wissen über das Leben und das Weben miteinander verflochten hat. Es ist eine Begegnung mit einer neuen Form der Literatur und des Diskurses, die von der Weber:in selbst eingeführt wurde.
Über die Ausstellung
Die Ausstellung „WE ARE NOT CARPETS: I tell you my story” war vom 6. bis 31. Oktober 2025 im poool, dem Kulturprojektraum der Gruppe 3/55 e.V., in Siegen zu sehen. Die Ausstellung wurde von von Tahereh Aboofazeli (Universität zu Köln) und Arjang Omrani (Universität Gent) kruatoriert und vom Sonderforschungsbereich 1187 „Medien der Kooperation” der Universität Siegen aus Fördermitteln der Deutschenm Forschungsgemeinschaft (DFG – Projektnummer 262513311) organisiert.
Fünf Künstler:innen aus der Region Nord-Khorasan im Iran nahmen an der Ausstellung teil und erzählten in acht lebensgroße Teppiche von ihren ganz persönlichen Geschichten. Die ausgestellten Teppiche luden die Besucher:innen dazu ein, über die verborgenen Geschichten und kulturellen Zusammenhänge nachzudenken, die die Herstellung und Bedeutung von Teppichen geprägt haben. Die Ausstellung regte dazu an, sich mit der Marginalisierung und Ausbeutung der Weber:innen auseinanderzusetzen und beleuchtete die kolonialen und kapitalistischen Verflechtungen der Ausbeutung, die bis heute nachwirken.
Die ausgestellten Teppiche sind das Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts „Weaving Memories“ von Tahereh Aboofazeli (Universität zu Köln) und Arjang Omrani (Universität Gent). Zehn Kunstweber aus dieser Region haben am Projekt „Weaving Memories“ teilgenommen. Unter ihnen sind die fünf Kunstweber Masoumeh Zolfaghari, Asieh Davari, Saheb Jamal Rahimi, Taqan Beik Barzin und Zohreh Parvin, die an der Installation in Siegen mitgewirkt haben, wobei Zoleikha Davari zusätzliche Unterstützung bei der Stabilisierung der Webarbeiten leistete.







