Was haben Medien mit Extraktivismus zu tun? Welche ökologischen Katastrophen und sozialen Verwerfungen verursacht Extraktivismus? Und was können wir gegen die Ausbeutung ganzer Regionen für Medientechnologien tun? Diesen Fragen widmeten sich über 100 Teilnehmende auf der Spring School Medien:Extraktivismus vom 17.–19.4. 2026 in Bochum.
Im Rahmen der diesjährigen Spring School haben Studierende, Zivilgesellschaft und Wissenschaftler:innen über zweieinhalb Tage gemeinsam gearbeitet und Konflikte rund um das Thema Extraktivismus mithilfe kreativer Methoden wie Waterscaping, Collagen und Mapping erforscht. Neben lokalen Extraktionsorten und Geschichten des Ruhrgebietes wurden in diesem Jahr internationale Extraktionsregionen– und praktiken „über und unter Tage“ thematisiert. Verstanden als System der Ausbeutung, lässt Extraktivismus der Erde keine Reproduktionsmöglichkeiten und bringt soziale Verwerfungen und Konflikte bis hin zu Menschenrechtsverletzungen mit sich. Extraktivismus ist einer der größten Umgestalter der Erde durch Minen, aber auch durch extraktive Infrastrukturen. Extraktivismus ist zudem wesentlich für die Klimakatastrophe verantwortlich. Ein Fokus lag dabei auf den Entwicklungen im Bereich künstlichen Intelligenz, die in Zukunft die Extraktionsfolgen massiv verschärfen werden.
Extraktivismus und KI
In den Beiträgen der internationalen Gäste ging es um fossile Brennstoffe, die das Ruhrgebiet noch heute prägen – aber auch um Mineralien und Erden für digitale Technologien. Neben seltenen Erden für Batterien, Chips und Co. standen auch Infrastrukturen für KI, etwa Datenzentren, im kritischen Fokus. Durch die Implementierung von KI-Bots sowie geopolitische Konflikte weltweit ist KI nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ökologisch ein drängendes Thema. Der enorme Verbrauch von Wasser und Energie jener Datenzentren, die die Grundlage Künstlicher Intelligenz bilden, sowie die umkämpften Mineralien, die zur Herstellung der benötigten Rechenchips notwenig sind, machen KI zu einem der am schnellsten wachsenden Ressourcenverbraucher weltweit. Vortragende und Teilnehmende haben sowohl die Perspektive des globalen Extraktivismus als auch die lokalen Auwirkungen solcher Tech-Infrastruktren kritisch diskutiert. Datencenter, die massiv in den Wasserverbrauch eingreifen, sogenannte Click-Work-Arbeitszentren, in denen Content-Moderation, Data Labeling und andere niedrig bezahlten Tätigkeiten ausgeführt werden, werden oftmals in den Globalen Süden ausgelagert, sind aber auch in Deutschland und im Ruhrgebiet zu finden. Weltweit tragen sie zu den extraktiven Strukturen vor Ort bei. Postkoloniale und feministische Perspektiven auf Mining, Arbeit, Ressourcen und Sacrifice Zones sind daher unerlässliche Perspektive auf das Thema Extraktivismus durch KI Infrastruktur.
Durch diese weitgefasste Perspektive auf die Praktiken des Extraktivismus konnten die vielen gesellschaftlichen Bereiche, die von den Folgen des Extartkvismus betroffen sind, in den Workshops miteinander verbunden werden. Die Medienwissenschaft wird durch diese klimagerecht und extraktivismuskritische Perspektive zudem auf ihre materiellen Grundlagen im Sinne der Mediengeologie des Theoretikers Jussi Parikkas zurückgeworfen (siehe auch Noam Gramlich Arbeiten hierzu).
Das Programm
Den ersten Abend eröffneten eine Einführung in das Thema Extraktivismus und Medien sowie drei Keynotes und eine Podiumsdiskussion zu den Themen Revier Noir von Frederike Lange aus dem Deutschen Bergbaumuseum, Queerness im historischen Bergbau zwischen Ruhrgebiet und Oberschlesien der Bochumer Künstlerin Julia Nitzschke sowie zu Luft und Extraktivismus der Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin Marietta Kesting. In der anschließenden Podiumsdiskussion mit den Beitragenden, die der Medienwissenschaftler Oliver Leistert moderierte, wurde der Fokus auf die Schäden gerichtet, die etwa Datenzentren verursachen, und darauf, wie sich lokale Bevölkerungen z.B. in den USA schon heute gegen diese wehren.
Am zweiten Tag ging es hands on weiter mit praktischen Workshops zur Emscher von Natalie Pielok, zu Film und Klimakatastrophe von Matthias Grotkopp und Maike Reinerth, zu Waterscaping von Rémi Willemin und Alisa Kronberger und zu Infrastrukturen des Extraktivismus mit Petra Löffler, Marlene Helling und Jakob Claus. Deutlich wurde in vielen Beiträgen, dass Extraktivismus Ewigkeitskosten mit sich bringt, die auch im Ruhrgebiet immer noch aufwändige Lösungen erfordern, wie etwa die Entsorgung toxischer Förderreste oder das auf Dauer angelegte Abpumpen von Wasser aus ehemaligen Steinkohlegruben.
Neben wissenschaftlichen Inputs standen auch künstlerische Auseinandersetzungen im Zentrum, etwa in der Lecture Performance von Azadeh Ganjeh zu Goldextraktivimus und den damit verbundenen sozialen Konflikten sowie politischen (Online-)Protesten im Iran. Eine Fotoausstellung in der Quartiershalle von Sara Bahadori sensibilisierte die Teilnehmenden für Ausschlüsse und Marginalisierungen innerhalb der Klimabewegung. In einem Workshop zum weißen Blick auf das Klima wurde das Thema von der Referentin nochmals kritisch und reflexiv vertieft.
Eindrücke der Spring School
Rund 100 Teilnehmende haben aktiv an Workshops zu Wasser, KI und Bergbaugeschichte sowie an einem dekolonialen Stadtrundgang in Bochum – geleitet von Marie Sprenger und Florian Trompke – teilgenommen. Abschließend entwickelten Lehrende und Studierende in einem Workshop zu klimagerechter Lehre am Sonntagmorgen Inhalte und Methoden für ein zukünftiges hochschulübergreifendes Curriculum zum Thema.
Die Spring School ist eine Veranstaltung des Projekts „Öffentlichkeit“ im SFB Medien der Kooperation und stellt eine Öffentlichkeit aus Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Journalist:innen sowie engagierter Zivilgesellschaft rund um das Konfliktthema Klimakatastrophe her.
Die dritte Spring School des Arbeitskreises MediaClimateJustice wurde organisiert von Julia Bee, Gerko Egert, Alisa Kronberger und Julia Reinermann und wurde unter anderem durch die Förderung des SFB Medien der Kooperation und der Ruhr-Universität Bochum realisiert. Ziel der Spring Schools zu Medien und Klima ist das Thema Klima stärker in der Medienwissenschaft und der Gesellschaft zu verankern.












