P04 - Precision Farming: Ko-operative Praktiken des Virtual Fencing

SFB 1187-Projekt-P04-2024

 

Das Projekt untersucht sensor-basierte ko-operative Medien- und Datenpraktiken der Präzisionslandwirtschaft und des Closed-Loop-Sensing zur Einhegung von Tieren. Damit leistet es einen praxeologischen Beitrag zur Medien-, Technik- und Agrargeschichte von Grenzpraktiken nebst der empirischen Analyse ihrer Implementierung.

 


 

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Zusammenfassung

Das Teilprojekt „Precision Farming: Ko-operative Praktiken des Virtual Fencing“ untersucht kollaborative, auf Basis von Sensortechnologien stattfindende Prozesse der Semi-Autonomisierung im Feld des Precision Farming aus medientheoretischer, -historischer und -praxeologischer Perspektive. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer und ökologischer Herausforderungen im Agrarsektor evaluiert das Teilprojekt am Beispiel des digitalen Hütens die Frage, wie durch kooperative Medienpraktiken heterogener Akteur*innen virtuell geographische Grenzen hervorgebracht werden. Hierfür werden mittels einer Ko-Operationsanalyse terrain-modellierende Grenzpraktiken, deren nutzungsspezifische mediale Interaktionsformen sowie die Implementierung als Closed-Loop-Sensing untersucht. Das Projekt erlaubt damit die Reflexion der medialen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten einer agrarspezifischen Praxis, die medienhistorische Entwicklungen konsolidiert und gleichsam nachhaltig auf zukünftige Entwicklungen im Bereich Landwirtschaft und Viehzucht wirkt. Um das damit verwobene medienwissenschaftliche Themenfeld von Grenzobjekten und Grenzpraktiken vollumfänglich erfassen zu können, sind sowohl die medientheoretische Reflexion, die empirisch-qualitative Forschung im Feld als auch die historisch-praxeologische Aufarbeitung seiner Entwicklung notwendig. Diese haben zum Ziel, aktuelle Medien- und Datenpraktiken des sensorbasierten digitalen Zaunbaus als emergente Weiterentwicklung voriger analoger Techniken der Terrainmodellierung sowie von Medien- und Grenzpraktiken der Einzäunung begreifbar zu machen. Hierfür werden die als wesentlich identifizierten Charakteristika des Virtual Fencing einer historischen Analyse unterzogen, die ebenso die agrikulturellen, praxeologischen und soziotechnischen Implikationen mobiler Einzäunungen berücksichtigt.

Um die Praxis mobiler Einzäunung in ihrer geographischen und sozio-technischen Bedingtheit medienwissenschaftlich zu reflektieren, werden ausgewählte Virtual Fencing-Systeme empirisch untersucht. Die Analyse umfasst die unterschiedlichen, auch sozio-ökonomischen Entstehungs- und Nutzungskontexte aktueller Anwendungen und zeigt auf, welche spezifischen Technologien und situativen Praktiken mit diesen jeweils verbunden sind. Zudem werden die Praktiken des Umzäunens, die Medientechniken des Sensing sowie die Soziotechniken landwirtschaftlicher Automatisierung untersucht, um die historischen Entwicklungslinien des Virtual Fencing kenntlich zu machen. Durch die grundständig medientheoretisch und -praxelogisch angelegten Zugänge können auch verworfene Konzepte, Spannungen und gescheiterte Entwürfe kooperativer Sensing-Praktiken in die Analyse einbezogen werden, um zu zeigen, wie Grenzobjekte bereits in der Vor- bzw. Frühphase von Technikentwicklungen als solche konturiert bzw. verworfen werden.

 

Medienwissenschaftliche, praxeologische und soziotechnische Analyse der „Boundary Infrastructure“ des Precision Livestock Farming, bestehend aus elektro­nischen Tierhalsbändern, GPS-, LoraWAN- und Cloud Infrastrukturen sowie mobilen kartograph­ischen Medienapplikationen.

These: Die Differenz von physischer Geographie, Humangeographie und Vitalgeographie löst sich durch Virtual Fencing auf.

Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen und ökologischer Herausforderungen im Agrarsektor untersucht P04 am Beispiel des digitalen Hütens:

  • wie durch ko-operative Medienpraktiken heterogener Akteur*innen geographische Grenzen hervorgebracht werden.
  • wie sich Praktiken des Einzäunens vom Stacheldraht über den Elektrozaun bis zum Virtual Fencing historisch entwickelt und konsollidiert haben.
Prinzip von Virtual Fencing mit der App eShepherd (© am.gallagher.com)
Prinzip von Virtual Fencing mit der App eShepherd
(© am.gallagher.com)

Das Projekt zielt auf eine Verschränkung von historischer Praxeo­logie und empirischer Analyse rezenter Sensordatenpraktiken an Fallbeispielen der Modellierung von Grenzen.

Methodologische Orientierung an der Weiterentwicklung der ANT und Grenzobjekt-Analyse.

Die Gegenwarts- und historischen Analysen erfordern einen Methodenmix.

Methodenmix aus:

  • Ko-Operationsanalyse
  • Feldforschung und teilnehmender Beobachtung
  • Affordanz- und Interface-Analyse
  • Bildwissenschaftliche Analysen
  • Medienarchäologie des Closed-Loop-Sensing
  • Archivrecherche, Oral History, Reenactment landwirtschaft-licher Automatisierung
Temporary Wire Fence (© Fences, Gates and Bridges 1887)
Temporary Wire Fence
(© Fences, Gates and Bridges 1887)

Mit dem Finger Tiere hüten (© Nofence AS: Innføring i Nofenceappen)
Mit dem Finger Tiere hüten
(© Nofence AS: Innføring i Nofenceappen)

 

AP1 analysiert aktuelle Sensordatenpraktiken im Precision Farming anhand der drei Schwerpunkte Infrastrukturierung und Intervention; Interface und Interaktion; sowie Sensing Ökologien.

AP2 untersucht die Geschichte der Praktiken des Einzäunens unter Berücksichtigung der Heterogenität historischer Kulturtechniken. Dazu werden historische Trajektorien einer gemeinsam geteilten Medien-, Technik- und Agrargeschichte verfolgt.

Damit wird AP2 die Geschichte der Landtechnik als soziotechnische ko-operative Entwicklung der fortschreitenden Automatisierung, Miniaturisierung, Präzi­sierung und Smartness (inkl. Ihrer Gegenbewegungen) nachverfolgen.

Auf Basis der in AP1 analysierten und in AP2 rekonstruierten Verschränkung von physischen, virtuellen und vitalen Geogra­phien werden in AP3 die Kooperationen und Grenzziehungen zwischen bio- und geodiversen Akteuren analytisch neu bestimmt.

 

Publikationen

2025

Borbach, Christoph, Wendy Hui Kyong Chun, und Tristan Thielmann. 2025. „Making everything ac-count-able. The digital twinning paradigm“. New Media & Society 27 (8): 4369-84. https://doi.org/10.1177/14614448251338289.
Borbach, Christoph, Wendy Hui Kyong Chun, und Tristan Thielmann, Hrsg. 2025. „Special Issue „Digital Twinning"“. New Media & Society 27 (8).
Borbach, Christoph, Timo Kaerlein, Robert Stock, und Sabine Wirth. 2025. „Akustische Interfaces. Eine Lagebestimmung“. In Akustische Interfaces. Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen, herausgegeben von Christoph Borbach, Timo Kaerlein, Robert Stock, und Sabine Wirth, 1-33. Wiesbaden: SpringerVieweg. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47635-9_1.
Borbach, Christoph, Timo Kaerlein, Robert Stock, und Sabine Wirth, Hrsg. 2025. Akustische Interfaces. Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen. Wiesbaden: SpringerVieweg. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47635-9.
Borbach, Christoph, und Max Kanderske. 2025. „Do not consent! Theorizing media as counter-practice“. Dialogues on Digital Society 1 (2): 220-25. https://doi.org/10.1177/29768640251342610.
Borbach, Christoph, und Max Kanderske. 2025. „Playful Resistance: The Politics of Sensor Counter-Practices in Urban Technospheres“. Mediapolis. A Journal of Cities and Culture 10 (3). https://www.mediapolisjournal.com/2025/11/playful-resistance.
Borbach, Christoph, und Benjamin Lindquist. 2025. „Körper, Stimmen, Prothesen. Eine Geschichte sprechender Interfaces als Assistenztechnologien“. In Akustische Interfaces. Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen, herausgegeben von Christoph Borbach, Timo Kaerlein, Robert Stock, und Sabine Wirth, 145-66. Berlin u.a.: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47635-9_7.
Borbach, Christoph, und Tristan Thielmann, Hrsg. 2025. „Special Issue „Digital Sovereignty"“. communication +1 11 (2).
Couture, Stéphane, Sophie Toupin, und Christoph Borbach. 2025. „Sovereign AI, the fragmented internet, data crawlers, and the opacity of consent forms: A dialogue on digital sovereignty“. communication +1 11 (2). https://doi.org/10.7275/cpo.3555.
Thielmann, Tristan, und Christoph Borbach. 2025. „The Digital Leviathan: Medializing Sovereignty for Critical AI and Data Studies“. communication +1 11 (2). https://doi.org/10.7275/cpo.3521.

2024

Borbach, Christoph. 2024. Delay. Mediengeschichten der Verzögerung, 1850–1950. Bielefeld: Transcript. https://doi.org/10.14361/9783839452349.
Borbach, Christoph, und Max Kanderske. 2024. „Counter-practices: Understanding sensor datafication through subversive action“. Dialogues on Digital Society. https://doi.org/10.1177/2976864024130597.

2023

Borbach, Christoph. 2023. „Medien- als Testgeschichte. Radarentwicklung in den Bell Labs und bei Western Electric“. Zeitschrift für Medienwissenschaft 15 (2): 73-85. https://doi.org/10.25969/mediarep/20063.
Borbach, Christoph, und Tristan Thielmann. 2023. „Chains of Co-operation in the 1940s: Working on the Air Situation Picture“. In Materiality of Cooperation, herausgegeben von Sebastian Gießmann, Tobias Röhl, und Ronja Trischler, 91-130. Wiesbaden: Springer.

2022

Friedrich, Kathrin. 2022. „Hüten per Fingerzeig. Mediale Zugewandtheit im Precision Livestock Farming“. In Automatisierte Zuwendung – Affektive Medien | Sensible Medien | Fürsorgende Medien, herausgegeben von Bernd Bösel, 27-36. AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft 85.
Thielmann, Tristan. 2022. „Environmental conditioning: Mobile geomedia and their lines of becoming in the air, on land, and on water“. New Media & Society 24 (11): 2438-67.

2021

Friedrich, Kathrin. 2021. „Im virtuellen Zaun – Umgebungen adaptiver Medien“. In Techno-ästhetische Perspektivierungen des Milieus, herausgegeben von Rebekka Ladewig und Angelika Seppi, 243-49. Leipzig: Spector Books.
Friedrich, Kathrin, und A. S. Aurora Hoel. 2021. „Operational analysis: A method for observing and analyzing digital media operations“. New Media & Society 25 (1). 10.1177/1461444821998645.

2019

Borbach, Chistoph, und Tristan Thielmann. 2019. „Über das Denken in Ko-Operationsketten. Arbeiten am Luftlagebild“. In Materialität der Kooperation, herausgegeben von Sebastian Gießmann, Tobias Röhl, und Ronja Trischler, 115-67. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20805-9_5.
Borbach, Christoph. 2019. „Navigating (through) Sound. Auditory Interfaces in Maritime Navigation Practice, 1900–1930“. Interface Critique 2: 17-33. https://doi.org/10.11588/ic.2019.2.67261.
Borbach, Christoph. 2019. „Reduced to the Max. Medienminiaturisierung als Erfolgsgeschichte am Beispiel der GPS-Empfänger“. In Kleine Medien. Kulturtheoretische Lektüren, herausgegeben von Oliver Ruf und Uta Schaffers, 35-57. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Thielmann, Tristan. 2019. „Sensormedien: Eine medien- und praxistheoretische Annäherung“. Working Paper Series Media of Cooperation 9. http://dx.doi.org/10.25819/ubsi/31.