P06 - War Sensing

Teilprojektleitung:

Prof. Dr. Miglė Bareikytė

Mitarbeitende:

Johanna Hiebl, M.A.
(Stipendiatin)

 

Das Projekt erforscht zivile dokumentarische, archivarische und investigative Medien- und Datenpraktiken des Krieges: War Sensing. Damit leistet das Projekt einen situierten Forschungsbeitrag zur medialen Verschränkung des menschlichen und technischen Sensoriums sowie zu Wissenspolitiken des Krieges.

 


 

Zusammenfassung

Kriegs- und Medientechnologien sind historisch eng miteinander verwoben und Medienumbrüche haben stets auch neue Formen des Krieges sowie der Kriegsberichterstattung hervorgebracht. Die Verbreitung von mobilen, sozialen und sensorbasierten Medien (z.B. Drohnen, Digitalkameras, Social Media-Plattformen) bedeuten erneut eine Zäsur. Für Kriegsgeschehen, deren Dokumentation, Untersuchung und öffentliche Wahrnehmung sind nicht mehr nur militärische Lagebestimmungen und journalistische Praktiken von Relevanz, sondern es gewinnen zunehmend zivile Medien- und Datenpraktiken an Bedeutung: ziviles War Sensing.

Dies zeigt sich verstärkt in dem seit 2022 andauernden Krieg gegen die Ukraine. Heterogene Akteur*innen erfassen, dokumentieren, archivieren und untersuchen das gegenwärtige Kriegsgeschehen und nutzen dafür Daten sozialer, mobiler und sensorbasierter Medien. Diese entstehenden zivilen Daten- aber auch Medienpraktiken werden im Rahmen des beantragten Teilprojekts als Formen des zivilen War Sensing untersucht, da sie den Krieg auf neue Weise medial sicht- und befragbar machen. Das Teilprojekt fragt, wie zentrale Praktiken des War Sensing – Dokumentation, Archivierung und Untersuchung – situativ verfertigt und somit die medialen Wahrnehmungen, Darstellungen und situierten Wissenspolitiken des Krieges kooperativ hervorbringen. Zu diesem Zweck untersucht und gestaltet das Teilprojekt dokumentarische, archivarische und investigative Medien-und Datenpraktiken ausgewählter Aktivist*innen, Mitarbeiter*innen von NGOs sowie Social Media-Nutzer*innen, die explizit digitale Medien und Daten nutzen, um Informationen über den Krieg zu produzieren, für zukünftige Forschung zu archivieren und den Kriegsverlauf zu analysieren. Das Teilprojekt hat zwei Forschungsschwerpunkte: (1) Investigative Praktiken von Organisationen und Akteur*innen, die in der EU und Ukraine ansässig sind, und ihre situierten Arbeitspraktiken. (2) Eine kooperative Untersuchung dokumentarischer Praktiken von Telegram-Nutzer*innen aus der Ukraine, die vom Center for Urban History of East Central Europe in Lviv archiviert werden. Ziel des Teilprojektes ist es, die entstehenden vielfältigen Praktiken des War Sensing auf Basis qualitativ-empirischer Forschung in ihrer Komplexität und Situiertheit zu beschreiben, mitzugestalten und begrifflich zu fassen. Dafür kombiniert das Teilprojekt qualitativ-empirische, ethnographische und digitale Methoden. Für die Untersuchung werden im Projekt ethische Fragestellungen unerlässlich, denen sich zu Beginn und im Laufe des Forschungsprozess gesondert gewidmet wird.

Die Forschungsziele des Teilprojektes werden in drei Arbeitsbereichen verfolgt. Der erste Bereich untersucht Medien- und Datenpraktiken internationaler und lokaler Initiativen (u. a. Bellingcat und Texty.org), um ihre situierten Arbeitspraktiken, die Rolle sensorbasierter Medientechnologien und die Herausforderungen im geographisch verteilten War Sensing zu identifizieren sowie zu beschreiben. Im zweiten Bereich und in Kooperation mit dem Telegram-Archiv des Centers for Urban History wird ein Datenkorpus aus dem in der Ukraine populären Instant Messaging-Dienst Telegram mitgestaltet, um die Wahrnehmung und Darstellung des Krieges anhand von öffentlich zugänglichen Telegram-Daten und dokumentarischen Praktiken aus ukrainischen Chats kooperativ mit Partner*innen aus der Ukraine zu untersuchen. Die Forschungsergebnisse eröffnen die begriffliche Erfassung der vielfältig situierten Daten- aber auch Medienpraktiken von War Sensing während des Krieges hinsichtlich ihrer Komplexitäten, ethischen Fragestellungen und Wissenspolitiken.

 

P06 untersucht dokumentarische, archivarische und investigative Medien- und Datenpraktiken von Aktivist*innen, Mitarbeiter*innen von NGOs sowie Social Media-Nutzer*innen.

Das Projekt beschreibt, problematisiert, reflektiert die entstehenden vielfältigen Praktiken auf Basis qualitativ-empirischer Forschung in ihrer Komplexität und Situiertheit.

  1. Situierte Beschreibung, Analyse und Vergleich von investigativen internationalen und ukrainischen War Sensing-Initiativen und -Praktiken
  2. Kooperative Forschung zu archivierten dokumentarischen Telegram-Praktiken zusammen mit dem Center for Urban History in Lviv
  3. Gesamtschau des War Sensing und Reflexion ethischer Herausforderungen
Panic of the first days of the war: Users discuss the situation in their locality or district, exchange info on the working hours of groceries, pharmacies, etc.
Dokumentarische Praktiken in Telegram-Chats
(© Center for Urban History of East Central Europe)
Panic of the first days of the war: Users discuss the situation in their locality or district, exchange info on the working hours of groceries, pharmacies, etc.
Dokumentarische Praktiken in Telegram-Chats
(© Center for Urban History of East Central Europe)

P06 kombiniert Ansätze der Practice Theory, STS, Inventive Methods und ethischer Reflexivität.

Methoden umfassen:

  • Feldforschung
  • Expert*inneninterviews mit investigativen Akteur*innen
  • digitale Ethnographie und Erforschung von digitalen Archiven

Investigative Daten- und Medienpraktiken internationaler und ukrainischer War Sensing-Initiativen werden explorativ untersucht.

Archivierte dokumentarische Telegram-Daten aus dem Lviver Telegram-Archiv werden mit qualitativen Analysemethoden, u.a. Thematische
Analyse, untersucht.

Telegram-Archiv (© Center for Urban History of East Central Europe)
Telegram-Archiv
(© Center for Urban History of East Central Europe)

AP1 erstellt eine gemeinsame Forschungsorientierung und reflektiert forschungsethische Herausforderungen.

AP2 untersucht und vergleicht investigative Medien- und Datenpraktiken internationaler ukrainischer War Sensing-Initiativen.

AP3 gestaltet den Datenkorpus aus dem Telegram-Archiv und untersucht die archivierten dokumentarischen
Telegram-Praktiken.

AP4 synthetisiert die Ergebnisse in einer Gesamtschau der untersuchten Praktiken und konzeptualisiert die Wissenspolitiken des War Sensing.

Special Feature in Sociologica
Special Feature in Sociologica

 

 

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