SFB 1187 ›Medien der Kooperation‹ an der Universität Siegen

B09 - Fahrradmedien: Kooperative Medien der Mobilität

 

Das Teilprojekt untersucht kooperative Mobilitätspraktiken des Radfahrens. Es trägt zu einem medienwissenschaftlichen Begriff von Mobilität vor dem Hintergrund der kooperativen und sensorischen Gestaltung von Öffentlichkeiten bei.

 


 

Zusammenfassung

Angesichts des anthropogenen Klimawandels ist die Frage der Mobilität und damit auch das Fahrradfahren in den letzten Jahren stärker in das Zentrum öffentlicher Debatten gerückt. Der Sektor Mobilität verursacht fast ein Viertel der Treibhausgasemissionen in der EU. Der Straßenverkehr ist davon der größte Emittent, überwiegend geprägt durch Autoverkehr. Zusätzlich steigt durch kriegsbedingte Ressourcenprobleme der Druck, Alternativen zu petrobasierter Mobilität, etwa das Fahrradfahren, zu entwickeln. Dies verursacht auch Kontroversen um Mobilitätsformen, um die sich Öffentlichkeiten (Issue Publics) formieren.

Das Teilprojekt untersucht vor diesem Hintergrund, wie Fahrradmobilität kooperativ hergestellt wird. Dies findet Ausdruck in kooperativ verfassten Fahrradmedien, die Öffentlichkeiten in Bezug auf nachhaltige Mobilität mitgestalten. Das Projekt geht von der Arbeitshypothese aus, dass sich Fahrradmobilität nicht in der Bewegung von A nach B erschöpft. Sie wird von verschiedenen (Bewegt-)Bild-, Daten- und Medienpraktiken gestaltet, in denen sich sensorische, körperliche und digitale Ästhetiken verschränken und mobile Öffentlichkeiten des Fahrradfahrens entstehen. Der sinnliche Raum des Fahrradfahrens ist auch ein öffentlicher Raum, der sich anders als etwa beim Autofahren nicht so stark in einen Innen- und Außenraum abgrenzen lässt.

Ziel des Projekts ist es, (1) eine systematisch angelegte empirische Analyse des Zusammenspiels kooperativer und sinnlicher Praktiken, die mobile Öffentlichkeiten des Radfahrens kennzeichnen und (2) eine theoretische Konzeption von Fahrradmedien als kooperative Medien der Mobilität. Kooperative Praktiken der Fahrradmobilität werden dabei auf zwei Ebenen erforscht: (1) Fahrradkollektive und ihre kooperativen Medienpraktiken und (2) audiovisuelle Praktiken wie Vlogs, Filme und Community-Apps.

Mit einem mehrdimensionalen methodischen Ansatz werden medienästhetische Analysen mit teilnehmenden Beobachtungen und Interviews mit ausgewählten Fahrradgruppen (Fahrradkollektiven) verbunden. Darüber hinaus werden Public Science Formate gestaltet, um ein kooperatives Forschungsdesign aufzubauen, das zivilgesellschaftliche Initiativen systematisch in den Forschungsprozess einbindet. Wie (Bewegt-)Bilder, App-Anwendungen, Sensoren und Körpertechniken Fahrradfahren und Formen mobiler Öffentlichkeit herstellen, bleibt ein Forschungsdesiderat, das dieses Projekt schließt. Es leistet damit einen systematischen und konzeptionellen Beitrag zur Fahrradmobilitätsforschung, indem es die kooperativen Praktiken der Hervorbringung von Fahrradmobilität und die damit einhergehenden Öffentlichkeiten untersucht.

 

Die Erforschung von Praktiken der kooperativen Herstellung mobiler Öffentlichkeiten insbesondere durch Frauen, immobil­isierte und ältere Menschen

  • Die Untersuchung sensorischer Ästhetiken des Radfahrens in digitalen und audiovisuellen Medien.
  • Die Entwicklung des Begriffs Fahrradmedien an der Schnittstelle verschiedener sensorischer Mobilitätspraktiken.

Arbeitsthesen sind dabei:

  • Kollektive stellen Radfahren durch kooperative Praktiken her. Wichtige Schauplätze sind dabei: zusammen fahren, reisen oder reparieren.
  • Mobile Öffentlichkeiten werden u.a. in Vlogs und in sozialen Medien kooperativ hergestellt und verhandelt.
Fancy Women Bike Ride Ankündigung in Stuttgart (© suslukadinlarbisikletturu.com/etkinlik/stuttgart)
Fancy Women Bike Ride Ankündigung in Stuttgart
(© suslukadinlarbisikletturu.com/etkinlik/stuttgart)

 

Reparaturworkshop des Fahradkollektivs She 36 (© instagram.com/she36)
Reparaturworkshop des Fahradkollektivs She 36
(© instagram.com/she36)

 

Vloggerin Juliet Elliot (© instagram.com/julietelliott)
Vloggerin Juliet Elliot
(© instagram.com/julietelliott)

  • Teilnehmende Beobachtung: fokussierte Ethnographie ausgewählter Veranstaltungen Interviews und Gruppendiskussionen
  • Kooperative, aktivistische Forschung mit Gruppen: Kollektive werden durch Workshops in die Forschung einbezogen.
  • Film- und Bildanalysen:
    In Apps, Vlogs und Filmen werden ästhetische Praktiken des Radfahrens untersucht.
  • Mental Maps durch visuelle Methoden wie Karten und Collagen

AP 1 untersucht Fahrradkollektive und ihre kooperativen Praktiken, z.B. zusammen fahren, reisen oder reparieren.

AP 2 untersucht ästhetische Praktiken des Radfahrens.

AP 3 führt ästhetische und empirische Ergebnisse zusammen und erarbeitet in Workshops kooperativ diverse Sichtweisen
auf das Radfahren.

Untersuchungsgegenstände

AP 1

  • Fahrradkollektive

AP 2

  • Filme/Vlogs & Community Apps

AP 3

  • Workshops mit Akteur*innen, Expert*innen und Initiativen
  • Fahrradtouren und Filmreihe in Siegen mit Teilprojekt Ö
Fahrradkollektiv Radeln ohne Alter (© radelnohnealter.de)
Fahrradkollektiv Radeln ohne Alter
(© radelnohnealter.de)

 

➔ Hier geht es zum Assoziierten Projekt „Fahrradmedien“ im Projektarchiv 2020–2023

 

Publikationen

Aktuell

Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismus

 

Das Fahrrad ist ein Medium sozialer Veränderung. Seine vielfältigen utopischen Potenziale ergeben sich nicht zuletzt aus seinen ebenso vielfältigen und häufig übersehenen medialen Qualitäten: Es vermittelt, es verbindet, es übersetzt; es modifiziert Wahrnehmung und Organisation von Raum und Zeit, von Körpern und von Sozialität. Umgekehrt kann auch das medienwissenschaftliche Denken fahrradmedial verändert werden. Das Fahrrad ist nicht nur Medium des sozialen und ökologischen Wandels: Radfahren eröffnet Perspektiven, verändert Räume, lässt neue Relationen entstehen und teilt Handlungsmacht neu auf.

Fahrradutopien denkt vom Fahrrad aus und ergänzt dabei bestehende Ansätze zur Mobilitätsforschung um medienkulturwissenschaftliche Perspektiven. Die Beiträge verbinden Medienwissenschaften und Forschungen zu Fahrradaktivismus mit der Liebe zum Radfahren. Fokussiert werden Fahrradfilme und -vlogs, Verkehr und Infrastrukturen, Virtuelle Realität und Fahrrad, Fahrradkollektive und Fahrradfeminismus.
Open Access: https://meson.press/books/fahrradutopien/.

Bee, Julia; Bergermann, Ulrike; Keck, Linda; Sander, Sarah; Schwaab, Herbert; Stauff, Markus; Wagner, Franzi. 2022. Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismus. Lüneburg: Meson Press. DOI: https://doi.org/10.14619/1952.

 

2022

Bee, Julia. 2022. „Radvlogging und Radcommunities. Ästhetik des Radfahrens zwischen Alltag und (digitalen) Medien“. In Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismen, herausgegeben von Julia Bee, Ulrike Bergermann, Linda Keck, Sarah Sander, Herbert Schwaab, Markus Stauff, und Franzi Wagner, 39-76. Lüneburg: Meson Press. https://doi.org/10.14619/1952.
Bee, Julia. 2022. „‚Das braucht ein Gesicht!‘ Medialität und Praxis des (Beinahe-)Unfalls“. Herausgegeben von Dominik Maeder. Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften. Unfälle. Kulturen und Medien der Akzidenz 22 (2): 59-77. https://dx.doi.org/10.25969/mediarep/19025.
Bee, Julia, Ulrike Bergermann, Linda Keck, Sarah Sander, Herbert Schwaab, Markus Stauff, und Franzi Wagner, Hrsg. 2022. Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismus. Lüneburg: Meson Press. https://doi.org/10.14619/1952 .
Bee, Julia, und Isabell Eberlein. 2022. „Fahrradfahren ist politisch! Gespräch mit Isabell Eberlein von Changing Cities“. In Fahrradutopien. Medien, Ästhetiken und Aktivismen, herausgegeben von Julia Bee, Ulrike Bergermann, Linda Keck, Sarah Sander, Herbert Schwaab, Markus Stauff, und Franzi Wagner, 107-25. Lüneburg: Meson Press. https://doi.org/10.14619/1952.
Pinzuti, Pinar, und Julia Bee. 2022. „Fancy Women Bike Ride, Gespräch über Feminismus und Fahrradaktivismus mit Pinar Pinzuti“. In Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismen, herausgegeben von Julia Bee, Ulrike Bergermann, Linda Keck, Sarah Sander, Herbert Schwaab, Markus Stauff, und Franzi Wagner, 173-84. https://doi.org/10.14619/1952.