SFB 1187 ›Medien der Kooperation‹ an der Universität Siegen
Workshop – Sebastian Gießmann, Jörg Potthast, Tobias Röhl: „Medienpraktiken in kooperativen Situationen: Ordnungen, Brüche, Skalierungen“
Montag, 05. - Dienstag, 06. Dezember 2016 Organisiert Sebastian Gießmann, Jörg Potthast, Tobias Röhl
Der Workshop fragt danach, wie Medien von aufeinander bezogenen Akteuren als „ongoing accomplishments“ (Harold Garfinkel) wechselseitig verfertigt und gebraucht werden. Damit wendet er sich gegen eine Forschung, bei der die Analyse von Einzelmedien im Mittelpunkt steht und wendet sich der Erforschung insbesondere von arbeitsbezogenen Medienpraktiken zu, die zumeist unsichtbare infrastrukturelle Arbeit verrichten. In den Blick geraten so konkrete Situationen, in denen Akteure miteinander kooperieren müssen, ohne dass ein Konsens vorausgesetzt werden kann. Der Workshop soll hierzu historische und gegenwartsanalytische Zugriffe auf Praktiken an, in und durch Medienarbeitsplätze komparativ analysieren. Gedacht ist dabei insbesondere an eine Verbindung von soziologischen „Workplace Studies“ bzw. „Studies of Work“, mit Medien-, Kulturtechnik- und Arbeitsgeschichte. Diese Perspektive soll anhand von drei miteinander verbundenen Themenblöcken erprobt werden:

(1) Ordnungen – Routinen, Standards, Techniken: Mit und durch Medien werden Standards und Routinen gesetzt, die als Kooperationsbedingungen eine die Praxis ordnende Wirkmacht erzeugen (sollen). Als solche sind sie das Ergebnis kooperativer Praktiken der Verfertigung und Aneignung, bei der sich unterschiedliche Akteure über ihre Gestalt und ihren Gebrauch jeweils situativ verständigen müssen. Routinen, Standards und Techniken reichen jedoch über die konkrete Situation heraus und werden zu distribuierten soziotechnischen Bedingungen. Der Workshop betont die durch gegebene Architekturen, Institutionen und Normalitätserwartungen gegebene Vorordnung kooperativer Praktiken, gerade um die Spezifik von praktischen „ongoing accomplishments“ der Akteure vertieft zu analysieren.

(2)  Brüche – Krisen, Verlagerungen, Experimente: Das Ergebnis von Routinisierung und Standardisierung sind stets vorläufige Ordnungen und Stabilisierungen, die sich im Arbeitsalltag neu bewähren müssen. Als Grenzobjekte verstandene, prozessual gedachte Medien bleiben notwendigerweise offen für Improvisation und Experimente, Reparatur und „Workarounds“. Zu den Vermittlungsleistungen gehören Krisen und Zusammenbrüche als integraler Bestandteil jeder Praxis. Das bedeutet, dass Medien in ihrer Offenheit Kooperation situativ ermöglichen und v.a. in Gestalt von infrastrukturellen Medien nur bedingt auf Dauer stellen können. An den Bruchstellen wird die unsichtbare zur sichtbaren Arbeit, entstehen aus Reparatur und Instandhaltung teils innovative Erneuerungen und steht die Legitimität des Handels auf der Probe.

(3)   Skalierungen – Netzwerke, Kopplungen, Maßstabswechsel: Über konkrete Situationen hinaus werden durch Medienpraktiken Maßstabswechsel und Reichweitenveränderungen vollzogen. Ganze soziotechnische Arrangements dienen vor allem dazu, das Arbeiten in „synthetischen Situationen“ (Karin Knorr-Cetina) zu ermöglichen – ein Phänomen, das sich durch die weitere Mobilisierung und Distribuierung von Bildschirmarbeitsplätzen mittlerweile bis auf die Smartphone-Screens erstreckt. Die entsprechenden Arbeitspraktiken sind jedoch bereits mit den netzwerkförmigen Infrastrukturen der Industrialisierung entstanden, durch die die Kopplung kooperativen Handelns über große Distanzen hinweg sukzessive zum organisatorischen Prinzip geworden ist. Medienpraktiken in kooperativen Situationen lassen sich so als Vermittlungsarbeit begreifen, die transsituative „ongoing accomplishments“ hervorbringt und organisiert.
Workshop_Medienpraktiken_Programm_Final

Veranstaltungsort

Museum für Gegenwartskunst
Unteres Schloss 1
57072 Siegen

Programm

Montag, 05.12.2016

ORDNUNGEN / ROUTINEN, STANDARDS, TECHNIKEN

12:30-13:30
(Un-)Ordentliche Routinen der Kooperation, Hannes Krämer (Frankfurt/Oder)
13:30-14:30
"The layout of a modern office": Büroorganisation in Frank Lloyd Wrights Larkin Administration Building, Christine Schnaithmann (Berlin)
14:30-15:30
Version Control: Zur Formalisierung distribuierter Kooperation, Marcus Burkhardt (München)

BRÜCHE / KRISEN, VERLAGERUNGEN, EXPERIMENTE

16:00-17:00
Epistemische Werkzeuge und ihre Reflexionsmilieus: Denken mit B6 (und Skizzenpapier), Sabine Ammon (Berlin)
17:00-18:00
Kooperatives Warten: Temporale Inkongruenzen in der digitalen Bearbeitung von Bewegtbildern, Ronja Trischler (Gießen)
18:30-20:00
Abendvortrag Intersituativität: Über mediale und materiale Situationsverknüpfungen, Stefan Hirschauer (Mainz)

Dienstag, 06.12.2016

SKALIERUNGEN / NETZWERKE, KOPPLUNGEN, MAßSTABSWECHSEL

09:00-10:00
Das Verknüpfen von Ereignissen: Flugreisen und ihre Medien, Larissa Schindler (Mainz)
10:00-11:00
Strapping and Stacking: Eine Ethnographie der Suche nach Medien im Silicon Valley, Götz Bachmann (Lüneburg)
11:00-12:00
"Cross-Professional Vision" als kooperative Methode des Energiesektors, Jeannette Prochnow (Luzern)

.

13:00-14:30
Abschlussvortrag: Zur Infrastruktur des Schlachthofs, Christian Kassung (Berlin)
14:30-15:00
Abschluss / Medienpraktiken in irritierenden Situationen, Moderation: Jörg Potthast (Siegen)

Kontakt

SFB 1187 - Medien der Kooperation
Sebastian Gießmann
sebastian.giessmann@uni-siegen.de
SFB 1187 - Medien der Kooperation
Jörg Potthast
potthast@soziologie.uni-siegen.de
SFB 1187 - Medien der Kooperation
Tobias Röhl
tobias.roehl@uni-siegen.de


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