Schreiber, Anne

A01 wissenschaftliche Mitarbeiterin

Universität Siegen,

SFB 1187 Medien der Kooperation,

Herrengarten 3,

D-57072 Siegen,

Telefon: +49 (0)271-740-5181

Anne Schreiber ist Doktorandin im Teilprojekt A01. Sie hat einen M.A. in Neuerer Deutscher Literatur, Philosophie und Volkswirtschaftslehre und war Mitglied im Graduiertenkolleg „Automatismen“ (Universität Paderborn), sowie im PhD-Net „Das Wissen der Literatur“ (Humboldt-Universität Berlin). Sie hat wissenschaftlich zur Mediengeschichte und Epistemologie des Systemdenkens im US-amerikanischen Management des frühen 20. Jahrhunderts sowie zu Anthropozän-Wissen, Netzwerkkunst und -kultur publiziert. Darüber hinaus hat sie als Autorin im Bereich Gegenwartskunst und Kulturtheorie veröffentlicht (u. a. für Der Tagesspiegel, Badische Zeitung, artnet Magazin, Berliner Gazette und De:Bug) und im kuratorischen Bereich gearbeitet (Kunsthaus Dresden, Kunstverein Freiburg, Independent Curators International (New York), ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Mediamatic Amsterdam, de Appel Centre for Contemporary Art (Amsterdam), Skulptur Biennale Münsterland, transmediale salon Berlin, Kleine Humboldt Galerie Berlin).

Das Dissertationsprojekt untersucht die Entstehung systemischer Denkstile während der Progressive Era und der Zwischenkriegszeit an der Harvard University im Umfeld des Biochemikers und Soziologen Lawrence J. Henderson (1878–1942). Geprägt durch seine Beteiligung an Institutionen wie der History of Science Society und der Harvard Business School entwickelte Henderson systemische Konzepte, die gleichsam „boundary objects“ sowohl Modelle bereitstellen, die biochemische Prozesse in Organismen und Umwelt beschreibbar machen, als auch soziale Verhaltensweisen abbilden. Mit systemischen Konzepten und visuellen Medien, die eine Vielzahl von Interaktionen aus einem „bird’s-eye view“ und „at one glance“ erfassen können, sollte auf Krisenwahrnehmungen reagiert werden, nach denen die Lebenswelt durch wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt grundlegend verändert wahrgenommen wird und bisherige Konzepte rationalen Handelns als unzureichend erscheinen. Vor dem Hintergrund der Wahrnehmung einer zunehmenden Beschleunigung gesellschaftlicher Veränderungen sollten neue Techniken der Anpassung entwickelt werden, um das Gleichgewicht zwischen sozialer und technischer Welt zu erhalten.

Unter der Annahme, dass soziales Verhalten auf impliziten und sozialen Bedürfnissen wie Gruppenzugehörigkeit sowie dem Teilen von Werten und Emotionen basiert, rücken alltägliche Praktiken und Gewohnheiten in den Vordergrund. Dies beeinflusste sowohl die entstehenden Wissenschaftstheorien als auch die Managementtechniken, in denen der Fokus auf Praktiken der Kooperation und Teamarbeit liegt. In der Übertragung biologischer Denkstile auf die Erfassung des Sozialen werden Praktiken und Medientechniken als integrale Bestandteile eines „social environment“ betrachtet. Hendersons Umfeld stellt insofern nicht nur ein Vorspiel medienökologischer Fragestellungen dar. Im Sinne des SFB „Medien der Kooperation“ ist es insbesondere als historischer Vorläufer einer praxeologischen Medientheorie zu verstehen, in der erstmals Kooperationspraktiken und Medientechniken gemeinsam als zentrale Elemente der Umweltgestaltung betrachtet werden.

Über eine historische Rekonstruktion soll die Entstehung von Theorien und medialen Praktiken nachgezeichnet werden, ausgehend von Hendersons naturphilosophischen Schriften über eine Ko-Evolution von Organismus und Umwelt, über seine wissenschaftsphilosophischen Annahmen, in die die Rolle von Praktiken und Gewohnheiten einfließen, bis hin zu seiner Beschäftigung mit Gleichgewichtswerten sowohl in biochemischen als auch sozialen Systemen. Auf diese Weise beeinflussten Hendersons Annahmen kosmische Kooperationstheorien (Vernadsky, Lovelock), funktionalistische Ansätze in der Soziologie und Wissenschaftssoziologie (Parsons, Merton, Kuhn) sowie das Managementdenken der Human Relations School (Mayo, Barnard). Die Rekonstruktion der historischen Arbeitsmethoden zeigt, dass das frühe Systemdenken zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Auftakt einer Transformation betrachtet werden kann, in der erstmals systematisch Managementtechniken zur Steuerung sozialer Netzwerke entwickelt werden. Die Zwischenkriegszeit erscheint damit als weitere Station in der Genealogie eines seit der Neuzeit entstehenden Regierungswissens und ist als historische Folie gegenwärtiger Plattformökonomien zu verstehen. Zugleich ist diese Ära im Zusammenhang eines entstehenden Anthropozän-Wissens zu begreifen, in dem technosphärische Steuerungslogiken zur Entfaltung kommen.

„Die eigene Entwicklung ist eine kollektive Angelegenheit. Ein Künstlerinnenporträt.“ In: Eros, hrsg. von Christl Mudrak, Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2025.

Gemeinsam mit Alexander Schindler: „The Mechanical Discovery of Ultrastability.“ In: Critical Zones. The Science and Politics of Landing on Earth, hrsg. von Bruno Latour und Peter Weibel, Karlsruhe: ZKM / MIT Press, 2020.

„The Secrets of Management: Mechanisms of Structural Formation and Decomposition in Early 20th-Century Physiology.“ In: Automatismen und Struktur: Zu Prozessen der Auflösung und Zersetzung, hrsg. von Norbert Eke und Patrick Hohlweck, München: Wilhelm Fink Verlag, 2019.

„Standards for Group Action.“ In: Standardisierung und Naturalisierung, hrsg. von Christoph Neubert, Dominik Leibenger und Martin Müller, München: Wilhelm Fink Verlag, 2018.

„Organisation durch Kommunikation. Medien des Managements in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts.“ Zeitschrift für Medienwissenschaft 18: 45–68. DOI: 10.14361/zfmw-2018-0104. 2018.

Schreiber, Anne, Tanja Brock, Elena Fingerhut, Timo Kaerlein, Kolja Liebau, Monique Miggelbrink, Jennifer Morstein, Samuel Müller, Annelie Pentenrieder und Johanna Tönsing. „Gehäuse: Mediale Einkapselungen.“ Zeitschrift für Medienwissenschaft, Online. DOI: 10.25969/mediarep/2361. 2015.

„Distanz / Shared Answers: Anne Schreiber in Conversation with Karin Sander.“ In: Terms of Exhibiting (from A to Z) / Begriffe des Ausstellens (von A bis Z), hrsg. von Petra Reichensperger, Berlin: Sternberg Press, 2014.

„Gefahrensinn. Sense for Danger.“ Zeitschrift für Germanistik 1: 45–60, 2011.

„Live bei Giga TV! Welcome to the Real World.“ In: Vernetzt, hrsg. von Krystian Woznicki, Berlin: Verbrecher Verlag, 2009. 

„Netzkunstwerk = Netzwerkkunst?“ In: musik netz werke. Konturen der neuen Musikkultur, hrsg. von Lydia Grün und Frank Wiegand, Bielefeld: transcript Verlag, 2002.