SFB 1187 ›Medien der Kooperation‹ an der Universität Siegen
Workshop „Interoperabilität“ (A01&A02)
Donnerstag, 08. - Freitag, 09. Dezember 2022

Thursday, 8.12.2022 13:30 – 18:00

Friday, 9.12.2022 9:00 – 13:00

Interoperabilität ist ein altes Thema, über das heute viel gesprochen wird. Im Kern geht und ging es dabei um die Kopplung von infrastrukturellen Netzen und Systemen, sowie die gegen-seitige Austauschbarkeit ihrer Bestandteile an und über die jeweiligen Außengrenzen hinaus, d. h. an technischen wie territorialen Schnittstellen. Interoperabilität war und ist dabei nicht einfach gegeben, sondern muss aktiv hervorgebracht und erhalten werden. Dies stellt immer ein komplexes, technisches wie rechtliches Gestaltungsproblem dar, durch das Kooperation zwischen Netzen und ihren Elementen ermöglicht, erweitert, reduziert oder gar eingestellt wird.

Ein frühes Beispiel für die Dynamik von Interoperabilität ist der „Stromkrieg“ des 19. Jahrhunderts. Die Einigung auf Wechselstrom, einheitliche Spannung und Netzfrequenzen auf nationaler Ebene ermöglichte die Interoperabilität von elektrischen Geräten in einem Land, während dies international aufgrund unterschiedlicher Steckerformate und abweichender Standards nur mit einem erhöhten Aufwand möglich war.

Seit den späten 1970er-Jahren waren interoperable Infrastrukturen ein erklärtes Ziel (neo-) liberaler Wirtschaftspolitiker*innen. Interoperabilität – so die Hoffnung – sollte die technische und ökonomische Effizienz erhöhen, Handelsbarrieren abbauen und die Märkte für Netzkomponenten und -dienstleistungen vergrößern. Das Paradigma, dass Infrastrukturen wie Bahn und Telefon an territorialen oder systemischen Außengrenzen gezielt Inkompatibilitäten (Kooperationsbarrieren) aufwiesen, um nationale Produzenten und Anbieter vor Konkurrenz zu schützen, sollte überwunden werden.

Im Telekommunikationssektor sollten durch Standards wie ISDN oder OSI nicht länger nur internationale Telefonate möglich werden, sondern auch Endgeräte, Vermittlungstechnik und Dienstleistungen grenzüberschreitend eingesetzt werden können. Im Verkehrssektor war es der Container, der per Schiff, Bahn und Lkw und damit über Landesgrenzen und Verkehrssysteme hinweg, neue Kooperationspotentiale eröffnet hat.

Im 21. Jahrhundert ist die Interoperabilität von Hard- und Software ein zentraler Bestandteil digitaler Medienwelten und -technologien: Ein Smartphone kann auch auf Reisen in fernen Ländern eingesetzt werden, ein Textdokument kann auf einem Computer erstellt und auf einem anderen bearbeitet werden und mit einer Kreditkarte kann man (fast) weltweit bezahlen.

Dennoch ist Interoperabilität bis heute keine Selbstverständlichkeit. Noch immer schützen Staaten ihre Netze und Systeme durch technische Inkompatibilitäten und versuchen damit, Konkurrenz, Wettbewerb und unerwünschte Teilnehmer sowie Informationen unter Kontrolle zu behalten. Dies gilt ebenso für Technologieunternehmen, die nach wie vor eigene Standards – etwa für digital vernetzte Softwareanwendungen – durchsetzen und durch technische Inkompatibilitäten Monopolbildungen vorantreiben, um sich Vorteile auf Märkten zu verschaffen.

Interoperabilität auf der Mikroebene technischer Systemkomponenten wie übergreifender Systemcharakteristika sind folglich Systemeigenschaften, die vor dem Hintergrund immer neuerer Technologien, stetig neu verhandelt werden mussten und müssen, wie sich etwa an den Revisionen der Interoperabilitätsrichtlinie der EU für die europäischen Eisenbahnen gezeigt hat.

Der Workshop verfolgt mehrere Ziele:

(1) Er soll Begriffsarbeit am Konzept der Interoperabilität leisten. Was meinen wir konkret, wenn wir von Interoperabilität sprechen? Wie grenzt sich der Begriff von anderen Konzepten, wie etwa der Kompatibilität, Interkonnektivität, Integration oder Standardisierung ab? Wie hat sich die Wahrnehmung von Interoperabilität gewandelt? Ist Interoperabilität eher ein technisches, wirtschaftliches oder rechtliches Konzept? Lassen sich verschiedene Interoperabilitäten unterscheiden?

(2) Er soll nach den (historischen) Entstehungskontexten und den Bedingungen von Interoperabilität in digitalen ebenso wie analogen Mediensystemen fragen. Was macht die Attraktivität des Konzeptes aus? Inwiefern spiegelt Interoperabilität einen ‚Zeitgeist’ in der Gestaltung infrastruktureller Systeme wider? Finden sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Kooperationsvorstellungen in der Interoperabilität wieder? Welche Ziele, Zukünfte und Visionen von Kooperation verbanden die Akteure mit Interoperabilität? Welche Kooperationsbedingungen begünstigen und behindern Interoperabilität? Welche Bedeutung haben ‚Reifegrade’ von Technologien? Wann waren Bemühungen um Interoperabilität erfolgreich und wann nicht?

(3) Interoperabilität ist keine Einbahnstraße: Genau wie sie entsteht, kann sie auch wieder vergehen. Was sind Gründe für das den Abbau oder das Fehlen von Interoperabilität? Welche Rollen spielen hierbei politische Brüche, technologische Disruptionen oder ökonomische Interessen?

(4) Die für Medieninfrastrukturen aufgeworfenen Fragen sollen vergleichend für nichtmediale Infrastrukturen, beispielsweise Verkehrs- und Energienetze diskutiert werden, sowie die vielfältigen Interdependenzen mit diesen besonders betrachten. Gibt es Unterschiede zwischen medialen und nichtmedialen Infrastrukturen? Wurden Vorstellungen von Interoperabilität von medialen auf nichtmediale Infrastrukturen übertragen und umgekehrt?

Organisation: Matthias Röhr, Christian Henrich-Franke, Sebastian Gießmann, Thomas Haigh

Veranstaltungsort

Universität Siegen
Campus Herrengarten
AH-A 217/18
Herrengarten 3

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