SFB 1187 ›Medien der Kooperation‹ an der Universität Siegen
Werkstatt Medienpraxistheorie – Das Digitalwerden der Praxis: Diskussion mit Hilmar Schäfer
Mittwoch, 26. Mai 2021, 11:00-12:30 Uhr

Das Digitalwerden der Praxis

Der Vortrag reflektiert den Beitrag des Praxisbegriffs zur Analyse digitaler Kultur. Hier stößt der Handlungsbegriff des methodologischen Individualismus mit seiner Verkürzung auf das rational handelnde und sinnstiftende Individuum angesichts komplexer Verkettungen menschlicher und nicht-menschlicher Elemente an seine Grenzen. Dagegen scheint sich der Praxisbegriff hervorragend auch auf nicht-menschliche Beteiligte wie Infrastrukturen, Software und Algorithmen beziehen zu lassen und findet in der Soziologie des Digitalen bereits Verwendung. So ist beispielsweise die Rede von algorithmic practices, data-driven practices, data practices oder digital practices. Der Praxisbegriff wird dabei jedoch bislang noch selten reflektiert geschweige denn voll ausgeschöpft.

Von „digitalen Praktiken“ lässt sich in einem dreifachen Sinne sprechen: In einer allgemeinen Verwendung handelt es sich zunächst um den Gebrauch digitaler Infrastrukturen und Programme, beispielsweise um die Navigation mit einem Kartendienst wie Google Maps im Stadtraum. Spezifischer lassen sich mit dem Begriff Praktiken bezeichnen, die nur in digitalen Umgebungen existieren, wie etwa das „Sharen“ von Inhalten im Web 2.0, das „Liken“ und „Retweeten“ in sozialen Medien oder das Erstellen von Memes, Mashups und Remixen. In einem starken Sinn schließlich gilt es zu reflektieren, ob das Prozessieren von Algorithmen selbst als eine Praxis bezeichnet werden kann. Diesen Fragen wird sich der Vortrag widmen.

Hilmar Schäfer ist Gastprofessor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des Vorstands der Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen soziologische Theorie, Kultursoziologie und Soziologie des Bewertens. Er forscht gegenwärtig zu den institutionellen und alltäglichen Prozessen der Konstruktion und Bewertung von kulturellem Erbe mit einem Schwerpunkt auf der Auszeichnung als UNESCO-Welterbe sowie zu digitalen Praktiken.