Über SFB 1187

Infrastrukturen

(Mediale) Infrastrukturen durchdringen mit der fortschreitenden Digitalisierung insbesondere der Informationstechnologie immer mehr gesellschaftliche Bereiche. Gesellschaftliche Funktionssysteme wurden und werden durch mediale Infrastrukturen permanent konfiguriert und rekonfiguriert. Gleichzeitig verändern mediale Infrastrukturen die Medienpraktiken von Menschen und werden zugleich von diesen verändert. Die Säule A des SFB „Medien der Kooperation“ rückt in ihren Teilprojekten das „Infrastrukturieren“ der medialen Infrastrukturen in ihren unterschiedlichen Dimensionen in den Vordergrund. Die Teilprojekte adressieren:

  • unterschiedliche Skalierungen – von Netzen innerhalb von Kliniken hin zu nationalen ISDN-Netzen,
  • unterschiedliche Betriebszustände – von online/offline bis zum Betriebsausfall,
  • die drei Elemente kooperative Werkzeuge, Plattformen und Infrastrukturen.

Öffentlichkeiten

(Mediale) Öffentlichkeiten zerfallen mit der Digitalisierung der Medien in immer diversifiziertere Teilöffentlichkeiten. Veröffentlichungsprozesse konzentrieren sich daher zunehmend auf heterogene Raume. Dabei (re-)konfigurieren sich sowohl Medienpraktiken als auch Prozesse der kooperativen Verfertigung von Öffentlichkeiten. Die Saule B des SFB „Medien der Kooperation“ rückt in ihren Teilprojekten den Begriff der „issue networks“ in den Mittelpunkt. „Issues“ werden bereits als mediale „issues“ entworfen, verfertigt und weiterverwendet. Die Herausbildung medialer Öffentlichkeiten steht dabei im Zeichen ihrer „medialen Rekursivität“, was im SFB als eine empirische und historische Forschungsfrage betrachtet wird. Die Teilprojekte adressieren:

  • Öffentlichkeiten in ihrer historischen Entstehung,
  • Medienpraktiken der Öffentlichkeitsbildung,
  • Inklusions- und Exklusionsmechanismen von kooperativ verfertigten Öffentlichkeiten.

Ziele

Forschungsinteresse und medienwissenschaftliche Herausforderung:

  • Wissenschaftliche Untersuchung kooperativer Praktiken, die in Medien entstehen und aus denen wiederum Medien entstehen.
  • Die Digitalisierung der Medien transformiert Medienpraktiken und führt zu neuen Fragen an Mediengeschichte und Medientheorie.

Medienwissenschaftlicher Paradigmenwechsel in Folge der Digitalisierung von Medien:

  • Digital vernetzte Medien lassen sich als kooperative Werkzeuge, Plattformen und Infrastrukturen interpretieren, die neue Öffentlichkeiten konstituieren und bestehende Öffentlichkeiten transformieren.
  • Digitale Medien sind somit nicht mehr als „Einzelmedien“ zu verstehen, sondern verlangen eine praxistheoretische Wende mit Auswirkungen auf Geschichtsschreibung und Theorie der Medien.
  • Alle Medien sind kooperativ erarbeitete Kooperationsbedingungen, ihre Praktiken und Techniken entstehen aus der wechselseitigen Verfertigung und Bereitstellung gemeinsamer Mittel und Abläufe.
  • Die Erforschung digitaler Medien verlangt einerseits eine gezielte Engführung zwischen Medien- und Sozialtheorie und andererseits interdisziplinäre Zusammenarbeit, die quer zu den gängigen Wissenschaftsformationen vorgehen muss.

Immer am Puls der Zeit präsentiert sich die Medienforschung in Siegen, die mittlerweile auf eine mehr als 30-jährige Tradition zurückblicken kann.

Bild Medienzentrum 2

Ursprünge der Siegener Medienforschung:
Bildschirmmedien und duales System

Als der erste Siegener Sonderforschungsbereich (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema: „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“ im Januar 1986 seine insgesamt 14 Jahre dauernde Arbeit aufnahm, waren es vornehmlich Literaturwissenschaftler, unter ihnen vor allem Helmut Kreuzer, Helmut Schanze, Siegfried J. Schmidt und Christian Thomsen, die den Grundstein für die Siegener Medienforschung legten. Dadurch wurde die bis dahin übliche „klassische“ Literaturwissenschaft um eine neue medienwissenschaftliche Perspektive erweitert. Die Siegener Literaturwissenschaftler reagierten damit auf die Herausforderungen, die sich der Literaturwissenschaft durch den zunehmenden Einfluss der neuen Medien stellten.

Der SFB „Bildschirmmedien“ begleitete die Entwicklung und Einführung des Privatfernsehens, wie Sat.1 und RTL, sowie die grundsätzliche Neubestimmung der Medienlandschaft hin zu einem „dualen System“. Über 2000 Veröffentlichungen, darunter die fünfbändige „Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland“ und die Publikationsreihe „Arbeitshefte Bildschirmmedien“ zeugen von seinem umfassenden Erfolg.

Verbesserte Rahmenbedingungen innerhalb der Universität Siegen unterstützten bereits seit den 1970er Jahren die sich langsam etablierenden Medienwissenschaften. Ein erster wichtiger Schritt hierzu war die Gründung des Audiovisuellen Medienzentrums im Jahr 1974, heute Zentrum für Informations- und Medientechnologie (ZIMT), das aktuell über eines der größten Archive für Filmmitschnitte an bundesdeutschen Hochschulen verfügt. Einen weiteren Baustein stellte die Gründung des Instituts für Empirische Literatur- und Medienforschung (LUMIS) im Jahr 1984 dar. Der Start in die Erfolgsgeschichte der Siegener Medienforschung wurde komplettiert durch das erste geisteswissenschaftliche Graduiertenkolleg: „Kommunikationsformen als Lebensformen“ im Jahr 1987.

Konsolidierung der Siegener Medienforschung:
Medienumbrüche in der Phase der Intermedialität

Mit dem neuen Jahrtausend trat auch die Siegener Medienforschung in eine neue Phase ein. Im Jahr 2000 war der zweite Siegener SFB von der DFG genehmigt worden, das Forschungskolleg: „Medienumbrüche, Medienkulturen und Medienästhetik zu Beginn des 20. Jahrhunderts und im Übergang zum 21. Jahrhunderts“. Mit dem neuen Forschungskolleg wurde zeitgleich mit dem Beginn der Digitalisierung das Stichwort der Intermedialität historisch vergleichend untersucht. Der digitale Umbruch sollte als medialer Umbruch in seiner Bedeutung für die Entstehung und Bedeutung von Medienkulturen untersucht werden.

Zuvor hatte bereits das Graduiertenkolleg „Intermedialität“ seine Arbeit aufgenommen. Sprecher des Forschungskollegs war zunächst der spätere Rektor Ralf Schnell, ab 2006 Peter Gendolla.

Das Forschungsinstitut LUMIS wurde 2001 in das Institut für Medienforschung überführt, sichtbares Zeichen für die zunehmende Emanzipation der Medienwissenschaften als eigenständige Disziplin. Im Kontext des Forschungskollegs konnte die Zeitschrift „Navigationen“ als neues medienwissenschaftliches Publikationsorgan ins Leben gerufen werden, um die Ergebnisse und Zusammenhänge der Siegener Medienforschung noch sichtbarer zu machen.

Internationalisierung und partielle Neuausrichtung der Siegener Medienforschung:
Medien der Kooperation in der digitalisierten Gesellschaft

Der neue Siegener SFB „Medien der Kooperation“ steht für eine interdisziplinäre Neuausrichtung der Siegener Medienforschung vor dem Hintergrund einer digitalisierten Gesellschaft. Er ist gekennzeichnet durch explizite Öffnung für neue fachdisziplinäre und methodische Zugriffe der Sozial- und Ingenieurswissenschaften, ohne dabei die kultur- und literaturwissenschaftlichen Wurzeln der Siegener Medienwissenschaft aus den Augen zu verlieren. In der deutschen Forschungslandschaft steht die Siegener Medienforschung damit an der Spitze einer Fachdebatte über die zukünftige Ausrichtung der Medienwissenschaften. Sprecher des seit Januar 2016 arbeitenden SFBs ist der Medienwissenschaftler Erhard Schüttpelz. Eine internationale publizistische Ausstrahlung soll durch eine neue englischsprachige auch digital erscheinende Zeitschrift „Media in Action“ gewährleistet werden, deren erste Nummer noch in diesem Jahr erscheinen wird.

Erstmals in der Geschichte der Siegener SFBs sind alle Fakultäten der Universität an dem Vorhaben beteiligt. Im Kontext seiner Vorbereitung konnten mehrere neue Professuren eingerichtet werden. Elementare Bausteine der partiellen Neuausrichtung der Siegener Medienforschung sind die Einrichtung der medienwissenschaftlichen Graduiertenschule „Locating-Media“, seit 2012 DFG-Graduiertenkolleg sowie die neu gegründete „ischool – School of Media and Information“. Letztere wird von dem Sozioinformatiker Volker Wulf geleitet, der zugleich als stellv. Sprecher des neuen SFB fungiert.