SFB 1187 ›Medien der Kooperation‹ an der Universität Siegen

Jahrestagung SFB “Medien der Kooperation” 2019 Nachbericht

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Autor: Manuel Müller (Teilprojekt Ö)

Vom 24. bis zum 26. Oktober 2019 fand an der Universität Siegen die vierte Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs “Medien der Kooperation” statt. Unter dem Titel “Data Practices: Recorded, Provoked, Invented” stellten Wissenschaftler*innen aus sieben Ländern Ergebnisse und neue Ansätze im Bereich der sogenannten “Datenpraktiken” vor.

Der Sonderforschungsbereich 1187 “Medien der Kooperation” ist eine interdisziplinäre Gruppe von 15 Projekten mit über 60 Mitarbeiter*innen aus elf Fachbereichen der Universität Siegen. Diese diversen Forschungsgruppen verbindet ein gemeinsames Interesse an digitalen Medien und neuen Formen und Praktiken der Kooperation. Von seiner Gründung an war es ein erklärtes Ziel des SFB, die oft scheinbar unübersichtliche und sich ständig verändernde digitale Welt verständlicher und ihre historischen Kontexte erkenntlicher zu machen.

Ein zentrales Ergebnis der Forschung im SFB ist die Erkenntnis, dass zunehmend alle Medienpraktiken auch als Datenpraktiken verstanden werden müssen. Wer mit digitalen Medien zu tun hat, produziert Daten, sei es als Datenspur von Aktivitäten im Netz, in Form der Kuration von Bildern und Videos auf Plattformen, oder in der Archivierung und dem Teilen von Forschungsdaten durch Wissenschaftler*innen. Diese Datenpraktiken sind für viele Disziplinen interessant. Entsprechend war die Auswahl an Wissenschaftler*innen, die ihre Forschungsergebnisse und neue Ansätze im Verlaufe der drei Tage vortrugen, divers aufgestellt. Die Tagung wurde in sechs Themenbereiche aufgeteilt. Zusammen mit zwei Keynote-Vorträgen entstand so ein Überblick über die weitreichenden Einflüsse und möglichen Betrachtungsweisen von “Datenpraktiken”.

Die Jahrestagung begann am Donnerstag, den 24.10., mit dem Themenbereich “Histories of Data Practices”. Beide Vorträge des Bereichs präsentierten historische Beispiele für Interaktionen zwischen Menschen und Daten, die schon vor der Digita-lisierung vorhanden waren und sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Liam Cole Young, Assistant Professor an der Carleton University in Kanada, unternahm dies mit seinem Vortrag “Pop Music Charts and the Metadata of Culture” am Beispiel der “Billboard Hot-100”-Musikcharts. Musikcharts, so Young, seien beispielhaft für den Einfluss von Listen auf bestehende und neue Ordnungs- und Wissenspraktiken. Dr. Tahani Nadim von der Humboldt-Universität Berlin thematisierte in ihrem Vortrag “Capturing data creatures” unterschiedliche Katalogisierungsformen in Naturkundemuseen. Von der historischen Beschriftung einzelner Exponate durch Kurator*innen bishin zum digitalen “Barcode” wurden langanhaltende und komplizierte Verknüpfungen von Entscheidungsträgern, Praktiken und Objekten in Museen erkenntlich gemacht.

In der ersten Keynote sprach Prof. Celia Lury von der Universität Warwick unter dem Titel “People Like You: The distributive uncertainties of personalising (data) practices” über die Beziehung zwischen dem aktuellen Hang zu Personalisierung und Datenpraktiken. An zwei scheinbar unterschiedlichen Beispielen – britischen Brustkrebs-Studien und der #metoo-Bewegung – beschrieb Lury ein Konzept konstruierter “Vergleichbarkeit”.

Der zweite Tag begann mit dem Themenbereich “Automation and Agency”. In den drei Vorträgen dieses Bereichs ging es um die Interaktionen menschlicher Akteure in und mit einer immer mehr von Automatismen und Algorithmen gesteuerten Lebens- und Arbeitswelt. So beschrieb Dr. Nathaniel O’Grady von der Universität Manchester das Beispiel von LinkNYC, einer kostenlosen öffentlichen WLAN-Infrastruktur in New York, und insbesondere deren Rolle als automatisiertes Notrufsystem. Dieses neue System und die damit verbundenen Logiken, so O’Grady, haben enorme Auswirkungen auf bestehende Autoritätskonzepte und Entscheidungsfindungen im Bereich urbaner Sicherheit. Malte Ziewitz, Professor an der amerikanischen Cornell University, beschrieb in seinem Vortrag “Black Hat, White Hat” ethische Problematiken im Bereich der Suchmaschinen-Optimierung (SEO). Basierend auf Feldforschung mit britischen SEO-Beratern schilderte Ziewitz eine vielschichtige Situation, in der die Manipulation von Algorithmen durch Expert*innen neue Probleme von Legalität und Ethik aufwirft. Diese lassen sich nicht einwandfrei in vorhandene moralische Kategorien einordnen. Im letzten Vortrag des zweiten Themenbereichs sprach Eva-Maria Nyckel von der Humboldt-Universität Berlin über Datenpraktiken im Bereich des Prozessmanagements. Anhand der Plattform “Salesforce” untersuchte sie die Auswirkungen solcher Systeme auf medienwissenschaftliche Perspektive – besonders in Hinsicht auf die Registrierung und Kontrolle von Arbeitsprozessen.

Im dritten Themenbereich, “Data Ethnography”, ging es in erster Linie um die Schnittstelle zwischen Datenpraktiken und ethnographischer Forschung. So begann Dr. Emma Garnett vom King’s College London in “Sensing Bodies” mit einer Diskussion über den Nutzen neuer und kostengünstiger Sensortechnik in Studien über Luftverschmutzung direkt am menschlichen Körper. Diese neue, enge Beziehung zwischen Technologie und Mensch wirft Fragen nach der Auswahl und Ethik von Testsubjekten in so bisher kaum untersuchten Feldern auf. Dr. Tommaso Venturini, Forscher am französischen Zentrum für Internet und Gesellschaft, brachte dem Publikum in “Sprinting with Data” ein in den Sozial-wissenschaften noch neues Konzept näher: In sogenannten “Data-Sprints” kollaboriert eine Gruppe interdisziplinärer Forscher an einem gemeinsamen Datensatz. Venturini diskutierte grundlegende Konzepte hinter solchen “Sprints” und gab Hinweise für die Organisation datengetriebener Forschungstreffen. Im dritten Vortrag, “Unexpected openings in data ethnography”, sprach Prof. Minna Ruckenstein von der Universität Helsinki über das Projekt “Citizen Mindscapes”. Die Kollaboration von Ethnograph*innen mit Moderator*innen der Webseite “Suomi24” in der Auswertung von Millionen Foreneinträgen aus 15 Jahren führte zu neuen Ansätzen und Ideen über die Produktion und Nutzung von großen Datenmengen im Internet. Im letzten Vortrag des Themenbereichs sprach Dr. Robert Seyfert von der Universität Duisburg-Essen über Schwierigkeiten in der öffentlichen Wahrnehmung von selbstfahrenden Fahrzeugen. Eine überhastete Fokussierung auf noch gar nicht existente Techniken berge die Gefahr der Überschätzung und Fehleinschätzung “autonomer” Fahrzeuge. Seyfert sprach sich für eine realistischere Neuausrichtung der Debatte aus, in der es in erster Linie um die Kooperation zwischen Menschen und Maschinen gehe.

Der vierte Themenbereich, “Digital Care”, beinhaltete Vorträge über die Nutzung von Datenpraktiken in medizinischen Anwendungsbereichen. Julia Kurz und Dmitri Presnov von der Universität Siegen sprachen in “Data Multiple” über die Sammlung und Auswertung komplexer Datenfelder in Krankenhäusern; sie stellten dabei besonders die Integration von Daten in den Arbeitsbetrieb als notwendig heraus. Isabel Schwaninger von der TU Wien brachte in ihrem Vortrag “Older Adults, Trust and Robots” das Konzept des Vertrauens in die Diskussion. Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine im Bereich der Altenpflege sei stark abhängig von Vorstellungen über die Vertrauenswürdigkeit solcher Roboter. Durch aktive Konversation zwischen Forscher*innen und Patient*innen könnten Vorurteile abgebaut und Vertrauen geschaffen werden. Zuletzt sprach Dr. Kate Weiner von der Universität Sheffield in “Everyday curation” über die Herausforderungen medizinischer Selbstüberwachung. Ihre Forschung legt nahe, dass Forscher*innen mit einem komplexen Netzwerk aus Entscheidungen, Fehlern und Interpretationen arbeiten müssen, das keineswegs unproblematisch auszuwerten ist. Die Rolle von Patient*innen als Akteur*innen statt als Datenmenge müsse dabei im Vordergrund stehen.

In einem gesonderten Vortrag berichteten Andreas Mertgens und Patrick Sahle über verschiedene Ansätze der Digitalisierung von Archiven, am Beispiel des Nachlasses des amerikanischen Soziologen Harold Garfinkel. Sie zeigten diverse Möglichkeiten, darunter etwa nonlineare Darstellungsformen oder die Nutzung neuer 3D-Scantechniken, um die Inhalte eines so umfangreichen Archivs für die Forschung nutzbar zu machen.

Die zweite Keynote der Tagung wurde von David Ribes von der Universität Washington gehalten. Unter dem Titel “The Logic of Domains” stellte er seine Überlegungen zur Universalität von Domänen und “Domänenunabhängigkeit” vor, die seiner Meinung nach eine wichtige Erklärung für den weitreichenden Siegeszug der Data Science bietet. Deren Fähigkeit, sich scheinbar ohne Probleme in alle möglichen Felder zu integrieren, läge nicht unerheblich daran, dass IT sich als “unabhängige” und modulare Wissenschaft verkaufen konnte.

Zum Abschluss des Tages wurde Prof. em. Dr. Helmut Schanze anlässlich seines 80. Geburtstages mit einer Laudatio und einem Sektempfang geehrt. Schanze war als Germanist und Medienhistoriker wegweisend und begründend für die Medienforschung an der Universität Siegen. Er hatte hier 1985 den Sonderforschungsbereich “Bildschirmmedien” mitbegründet, dessen Sprecher er von 1992 bis 2000 war. Seine Leistungen für die deutsche Medienwissenschaft wurden vor internationalem Publikum besonders geehrt.

Der dritte und letzte Tag der Jahrestagung begann mit dem Themenbereich “Opening Data: Policies and Practices of Research Data Management”. Die drei Vorträge dieses Bereichs behandelten das hochaktuelle Stichwort “Open Data” kritisch und hinterfragten Methoden und Prämissen offener Forschungssysteme. Gaia Mosconi von der Universität Siegen wies in “Three Gaps in Opening Science” auf signifikante Probleme in der Umsetzung “offener Wissenschaft” hin. Inkongruenzen zwischen Konzept und Praxis seien dabei ebenso zu bedenken wie ein Mangel an Werkzeugen und Arbeitsprozessen. Ähnlich kritisch äußerte sich Prof. Wolfgang Kraus von der Universität Wien in seinem Vortrag “Setting up an ethnographic data archive”. Bekannten Prämissen von “Open Data” über Universalität und Eigentümerschaft von Daten setzte er ethnographische Positionen entgegen. Explizit warnte er vor einer “verallgemeinernden” Datennutzung, die Kontext oder Hintergründe der gesammelten Daten außer Acht lässt. Das Konzept der Offenheit selbst kritisiert dann schließlich Dr. Marcus Burkhardt von der Universität Siegen in “Open Equals Good?”. Anstatt “Offenheit” als klar definierte Eigenschaft oder Selbstzweck zu akzeptieren, ging Burkhardt den Schritt zurück zur Frage, ob und wie “Offenheit” als Konzept und Ziel von Wissenschaft und Gesellschaft existieren kann.

Im letzten Themenbereich, “Quantifying Literary Theory”, wurden datenanalytische Methoden im Bereich Literatur und Sprache näher dargestellt. Dr. J. Berenike Herrmann von der Universität Basel fasste in ihrem Vortrag “Lovely! Books” erste Resultate eine Studie zusammen, die über eine Million Online-Buchrezensionen von Laienkritiker*innen mit datenanalytischen Methoden auf Vokabular und Wertschätzungen hin untersuchte. Plattformen wie lovelybooks ermöglichen dabei, so Herrmann, eine neue Form ästhetischer und inhaltlicher Literaturkritik durch eine große Menge an Nutzer*innen. Im letzten Vortrag der Tagung ging es um die Schnittstelle zwischen Sprache und Musik: Prof. Mathias Scharinger von der Universität Marburg erklärte, wie das Konzept der “Sprachmelodik” durch neue Methoden der Datenanalyse wissenschaftlich fassbar gemacht werden konnte. Mehr-dimensionale Ansätze ermöglichen neue Erkenntnisse über Ästhetik und Musikalität im menschlichen Sprachgebrauch.

Damit kam die vierte Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs “Medien der Kooperation” zum Ende. In 20 Vorträgen hatte sich gezeigt, wie weitreichend das Feld der Datenpraktiken untersucht werden kann, und wie viele Erkenntnisse für die unter-schiedlichsten Fachbereiche sich aus solchen Untersuchungen ergeben können.